gomringer

Alleen, Blumen, Frauen und Widerstand gegen Sexismus

Sexismus, Kunst(freiheit) und demokratische Mitbestimmung – die stellvertretende Juso-Landesvorsitzende Chiara Breiner (KV Heidelberg) setzt sich kritisch mit den medialen Reaktionen auf die Diskussionen um ein sexistisches Gedicht an einer Berliner Universität auseinander. Sie argumentiert anhand dieses exemplarischen Falls, dass mit dem Verweis auf die Kunstfreiheit nicht pauschal jegliche inhaltliche Kritik an herabsetzenden Zeilen weggewischt werden darf.

Was ist passiert? Letztes Jahr kritisierte der AStA der Alice-Salomon-Hochschule Berlin in einem offenen Brief an die Universitätsleitung das spanische Gedicht „avenidas“ (dt. Alleen) des Lyrikers Eugen Gomringer, das an der Südfassade der Hochschule angebracht ist, als sexistisch. Der AStA fordert zudem einen Dialogprozess mit Entfernung des Gedichts.

How it all began: Sexismus, Kritik und entrüstete Feuilletons

Vor einem Monat, im ausklingenden Sommerloch und sich anbahnenden Frühherbstloch, gelangte die Episode den Medien und somit der öffentlichen Meinung zur Aufmerksamkeit. Rechte Blogs waren sich mit (großen Teilen der) renommierten Leitmedien und Organisationen in der Bewertung, die ungemein harsch und zum Teil beleidigend ausfiel, weitgehend einig: „Barbarischer Schwachsinn“ (PEN-Zentrum), „geopferte Autonomie des Kunstwerks“ (Tagesspiegel) sei die drohende Übermalung des Gedichts, von „Zensur“ und „Maulkörben für die Kunst“ war da die Rede.

Bezüglich der inhaltlichen Kritik der Studierenden, die ausführlich und transparent in einem jedem*jeder einsehbaren offenen Brief vorgelegt wurde, erwiesen sich die Medien jedoch als schweigsam. Statt die einzelnen Punkte zu diskutieren, was zu einer konstruktiven Debatte um Kunst im öffentlichen Raum hätte führen können, stürzte man empört sich auf das Etikett des Sexismus – das sei ja ein völlig überzogener Vorwurf und die Student*innen überempfindlich.

Wem gehört die Uni? Wem gehört die Kunst?

Das Problem an dieser Argumentation? Den Student*innen, die sich mit dem Gedicht und den negativen Wirkungen befasst haben, wird die Deutungsmacht von Sexismus komplett aberkannt. Sie werden entmündigt und ihre Wahrnehmung wird als falsch und übertrieben dargestellt. Der Wille, sich mit problematischen Frauenbildern in der Kunst und Literatur zu befassen (denn auch dort gibt es sie!), scheint gering.
Schade, wo doch die Analyse der studentischen Aktivist*innen (die Wahrnehmung des weiblichen Körpers als Objekt, die passive Rolle der Frauen*) für mich durchaus nachvollziehbar ist. Doch auch wenn die Begründung nicht für jede*n sofort verständlich ist, sollte ihr statt Delegitimierung ein wenig Verständnis entgegengebracht werden. Niemand würde Zeit und Energie in die Angelegenheit investieren – der AStA hat als Interessenvertretung der Studierenden schließlich noch viele weitere Aufgaben -, wenn es nicht einigen ein Herzensanliegen wäre. Daher wäre es nur respektvoll, das Anliegen der Studierenden zumindest anzuhören.

Der AStA ist in erster Linie eine Interessenvertretung der an der Alice-Salomon-Hochschule Immatrikulierten. Das Mandat, für die Studierenden zu sprechen, erhält er durch eine demokratische Wahl. Diese Wahl legitimiert den AStA dazu, über die Gestaltung der Hochschule (mit)zuentscheiden. Im Gegensatz dazu sind die Journalist*innen, die sich über die ganz normale Einflussnahme eines demokratisch gewählten Gremiums empören, nicht demokratisch gewählt. Natürlich können, sollen und dürfen sich auch nicht-gewählte Personen und Gruppen jederzeit zu allen Belangen äußern – die eigentliche Beurteilung sollte aber bei denen bleiben, die jeden Tag mit dem Gedicht an der Fassade konfrontiert sind und es nicht nur aus Medienberichten kennen: den Studierenden. Sie sind letztlich die Betroffenen, und sie gestalten ihre Hochschule mit. Die große, mediale hysterische Empörung, als würde dieser Akt demokratischer Mitgestaltung durch den AStA die Zukunft der Kunst und Deutschlands unmittelbar gefährden, klingt fast danach, als hätte man Angst vor jungen Menschen, die ihre Interessen vertreten und gehört werden. Dieser herablassende und herabwürdigende Tonfall der Feuilletons delegitimiert die Anliegen der jungen Menschen als „dogmatisch“. Und er steht symptomatisch für den Blick, den viele ältere Menschen auf junge Politikinteressierte haben.

Worüber in dieser Debatte also gesprochen werden sollte, ist Demokratisierung und studentische Selbstbestimmung – und nicht Zensur! In diesem Kontext von Zensur zu sprechen, ist ein Schlag ins Gesicht für alle Werke, die auf der ganzen Welt immer noch verbannt und verbrannt werden, und die Autor*innen, denen für ihre Literatur Gewalt angetan wird. Davon kann hier keine Rede sein! Die Studierenden wollen keine Kunst unterdrücken. Sie haben kein Interesse daran, Gomringers Gedicht auf einen Index zu setzen oder Leser*innen die private Lektüre von „avenidas“ zu verbieten. Es gibt aber einen Unterschied zwischen der privaten, selbstbestimmten Lektüre zuhause, bei der jede*r sich frei aussuchen kann, was er*sie lesen oder nicht lesen möchte, und der öffentlichen, übergroßen Präsenz eines Gedichts im öffentlichen Raum. Noch dazu an einer Hochschule, wo die Studierenden sich ständig aufhalten und den Zeilen nicht aus dem Weg gehen können. Teil des Systems Universität, wie es eigentlich sein sollte, ist aber, dass die Student*innen selbst über ihre Uni und wie sie aussehen soll, entscheiden. Nur: Eine selbstbewusste studentische demokratische Selbstverwaltung scheint immer noch verpönt zu sein. Und so erscheint das aktuelle Medienecho wie ein Versuch, diese Selbstbestimmung auszuhöhlen und zu untergraben – mit einem Seitenhieb auf „politisch korrekte“ oder „ideologische“ Studierende.

Die Debatte führt deutlich vor Augen: Im Rahmen einer umfassenden Demokratisierung und kritischen Betrachtung der Art und Weise, wie Räume genutzt werden, sind weder die Kunst noch die Literatur vor dem kritischen Blick des Menschen gefeit. Mit Zensur hat das nichts zu tun. Kunst ist keine Naturgewalt, sondern menschengemacht und wandelbar, und wenn für manche Mitglieder der Gesellschaft ein existenzielles Unwohlsein von ihr ausgeht, muss die Kunst im öffentlichen Raum (!) nicht toleriert werden. Kunst soll provozieren und unbequem sein – dies immunisiert sie aber nicht vor den Wünschen einer demokratisch organisierten Gesellschaft, die in einem diskursiven Akt die Linie zwischen unbequem und diskriminierend ziehen muss.

Die Zukunft ist demokratisch – und vielleicht feministisch

Zurück zu „avenidas“: In diesem Fall fand der Ruf der Studierenden Gehör, der Rektor der Hochschule sagte die Veränderung des Gedichts zu. Das eröffnet Möglichkeiten, um mithilfe von Vorschlägen und Einsendungen gemeinschaftlich und basisdemokratisch, z.B. per Internetabstimmung, die Fassade zu gestalten, unter Beteiligung aller Mitglieder der Universität, die sich zum allergrößten Teil aus Studierenden zusammensetzt.

Ein demokratischer Prozess, angestoßen von der demokratischen Interessenvertretung der Studierenden, ist ins Rollen gekommen. Er steht in fundamentalem Gegensatz zu der Art und Weise, wie das Gedicht 2011 zur Wandgestaltung ausgewählt wurde. Das Verfahren damals beruhte auf Absprachen zwischen dem Rektor der Hochschule und dem Dichter Eugen Gomringer. Die Studierenden waren kaum eingebunden und der Prozess höchst intransparent. Dies wird sich nun ändern: Das Hinzufügen eines Absatzes, die Ersetzung durch ein anderes Gomringer-Gedicht, ein ganz anderer lyrischer Text, all das ist denkbar. Vielleicht wäre ein Gedicht angebracht, das der Namensgeberin der Hochschule besser zu Gesicht stehen würde, bspw. von einer weiblichen Autorin. Immerhin hat sich Alice Salomon neben ihrem sozialpädagogischen Wirken auch für Frauen*rechte und Feminismus engagiert.

 

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