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Corbyns Gretchenfrage

Die Top-Neuigkeit aus Großbritannien: Corbyn als Labour-Chef wiedergewählt. Die einen so: yeay! Die anderen so: naay! Unser Gastautor Stefan Gretzinger hat eine Frage…

„Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“, das fragt die 14-jährige Gretchen Goethes Faust, der um sie wirbt. Was sie nicht weiß: Der ältere Wissenschaftler hat einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Sie trifft mit ihrer Frage also genau den wunden Punkt. Die Gretchenfrage wurde dadurch zum geflügelten Wort. Sie beschreibt laut Duden eine „unangenehme, oft peinliche und zugleich für eine bestimmte Entscheidung wesentliche Frage [die in einer schwierigen Situation gestellt wird]“. Für Jeremy Corbyn, den frisch wiedergewählten Vorsitzenden der britischen Labour-Partei stellt sich nun eine solche Frage.
Aber eins nach dem anderen.

Der 67-jährige Jeremy Corbyn ist neuer und alter Parteivorsitzender der britischen Labour Party. Gut 61,8 Prozent stimmten in einer Urwahl für ihn – auf den einzigen Herausforderer Owen Smith entfielen entsprechend 38,2 Prozent. Wie kam es überhaupt dazu, dass der erst 2015 gewählte Vorsitzende sich einer neuen Wahl stellen musste? Auslöser war das erschütternde Ergebnis des Brexit-Referendums. Die Kritik an Corbyn lautete dabei, dass er nur halbherzig für den Verbleib in der EU – dem womöglich großartigsten zivilisatorischen Fortschritt Europas im letzten Jahrtausend – gekämpft habe. Man muss sich das einmal vorstellen: Europa, das sich über Jahrhunderte selbst bekriegt hat, will friedlich zusammenwachsen und der britische Taktiker David Cameron setzt diesen atemberaubenden Prozess aus kurzsichtigem Machtkalkül auf’s Spiel, um seine Position in der konservativen Partei zu retten. Es kommt zum Referendum. Und was macht Jeremy Corbyn als Vorsitzender von Labour? Fährt mitten in der Bremain-Kampagne in den Urlaub.

Man muss eben Prioritäten setzen.

Kürzlich hatten wir Jusos Biberach per Videokonferenz die Labour-Abgeordnete Jess Phillips, die sich als „stolze britische Europäerin“ bezeichnet, zu Gast. Sie erzählte, dass in ihrem eigenen Wahlkreis noch nicht einmal Labour-Anhänger wussten, wie sich die Partei im Referendum offiziell positioniert hätte. Doch das nur am Rande. Das Referendum ist gelaufen und jetzt in Selbstmitleid zu verfallen hilft ja nichts. Die Frage, wie es Corbyn mit Europa hält, hat er ja schließlich durch sein Handeln – bzw. Nichthandeln – beantwortet. Die Urwahl, aus der Corbyn erfolgreich hervorging, ruft als Konsequenz eine andere Gretchenfrage hervor. Welche das ist, wirft Johanna Baxter auf.

Baxter ist Mitglied von Labours National Executive Committee (NEC). Das NEC stellte die Regeln auf, wie die Urwahl des Parteivorsitzenden abläuft. Vor dem Treffen des NECs wurde Baxter nicht nur bedroht, sondern es wurden auch ihre persönlichen Kontaktdaten veröffentlicht – laut Baxter geschah dies von gewissen Gruppen innerhalb der Partei. Bedrohliche Erfahrungen haben auch schon andere Labour-Politiker gemacht: Da gibt es antisemitisch motivierten Hass gegenüber der jüdischen Abgeordneten Ruth Smeeth zum Beispiel. Sie erhielt 25.000 beleidigende Nachrichten von Leuten, die für sich in Anspruch nahmen, in Corbyns Namen zu handeln. Auch die Labour-Abgeordnete Angela Eagle kritisierte das Ausmaß an Hass und Todesdrohungen, die von selbsterklärten Unterstützerinnen und Unterstützern von Corbyn ausgingen. Es gibt noch zahllose andere Beispiele.

Auf der Tagesordnung des besagten NEC-Treffens stand die Frage, wie über den neuen Vorsitzenden abgestimmt wird: Offen per Handzeichen oder geheim per Stimmzettel. In Tränen hat eine Frau Corbyn gebeten, sich für eine geheime Wahl auszusprechen. Schließlich hätten auch schon einige Mitglieder über „intimidating and bullying behaviour“ seitens Corbyns Unterstützerinnen und Unterstützer geklagt. Doch Corbyn stimmte mit der Minderheit gegen die geheime Wahl.

Baxter brachte es nach dem Treffen auf den Punkt: „I know that Jeremy has constantly spoken against bullying behaviour and I applaud him for that and I respect that – but when it came to the vote to protect colleagues taking an extremely difficult decision that would determine the future of our party he voted against the single thing that he could have done to protect colleagues.“
Also sag, Corbyn, wie hast du’s mit dem Hass deiner selbsterklärten Unterstützerinnen und Unterstützer?

 

Beitragsbild: Maren Rohleder.

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