KZ Auschwitz, Einfahrt

Die entscheidende Lektion der Geschichte

Die Verbrechen, die das nationalsozialistische Deutschland an der Menschlichkeit begangen hat, sind auch nach 72 Jahren ein einzigartiger Zivilisationsbruch. Die Frage nach der richtigen Form von Mahnung und Erinnerung stellt sich jedoch immer wieder aufs Neue. Zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus kommentiert der stellvertretenden Juso-Landesvorsitzende Florian Burkhardt.

Es ist erst wenige Tage her, da forderte Björn Höcke eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“. Die „Bewältigungspolitik“ müsse weg, die Deutschland „lähme“ und die „[die] großen Wohltäter, [die] bekannte weltbewegende Philosophen, [die] Musiker, [die] genialen Entdecker und Erfinder“ in den Vordergrund zu stellen. Ich kenne einige Menschen, bei denen kamen diese Sätze ziemlich gut an.

Sie argumentieren dann immer so simpel wie bestechend: Sie seien weit nach 1945 geboren und hätten keine Schuld an den Verbrechen früherer Generationen. „Irgendwann muss ja auch mal Schluss sein.“ „Ich kann es nicht mehr hören.“ Und: „Ich kann da ja nix dafür.“ Diese Menschen haben aber, ebenso wie Höcke, nicht verstanden was mit Erinnerung und Mahnung eigentlich gemeint ist. Was das Ziel dieser konstanten Aufarbeitung ist.

Blick in den tiefsten Abgrund

Der Holocaust und die Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands waren ein Zivilisationsbruch. Die fundamentalsten Prinzipien, die sich Menschen seit der Gründung der ersten Hochkulturen gegeben hatten, die menschliches Zusammenleben, Kultur und Zivilisation überhaupt erst möglich gemacht haben, wurden dabei verletzt. So schwer, so einzigartig war der Massenmord an den Juden Europas und den vielen anderen Gruppen, dass die Alliierten, dass die Zivilisation nach dem Krieg einen neuen Straftatbestand schaffen musste, der dem gerecht werden konnte: crime against humanity.

Der Holocaust ist singulär. Gerne wird er relativiert und in Kontexte gesetzt, als wäre damit die Größe des Verbrechens umdefinierbar. Maos und Stalins Verbrechen, die übrigen Volkermorde des 20. Jahrhunderts, bis hin zur mongolischen Invasion des Mittelalters wird gegriffen, um Parallelen zu finden. Dabei wird übersehen, dass sich die Singularitätsthese nicht darauf stützt, wie viele Menschen quantitativ vernichtet wurden. Es geht um die qualitative Art des Vernichtens. Beispiellos ist die Industrialisierung des Tötens, durch Gaskammern, „Vernichtung durch Arbeit“ und weitere Gräuel. Der Holocaust zeigt zu welchen Barbareien die Menschen fähig sein können, in welche tiefsten Abgründe man hinabsteigen kann.

Die deutsche Gesellschaft hat sich mit dieser Vergangenheit intensiv auseinandergesetzt. Wie jedoch Höckes Rede und der Zuspruch aus manchen Kreisen zu ihr zeigen, darf die Erinnerungskultur nicht nachlassen. Sie darf allerdings auch nicht – wie das manch linker oder bürgerlicher Kommentator tut – in ein Gefühl der moralischen Überlegenheit münden. Deutschland hat nicht das Recht Arroganz gegenüber anderen an den Tag zu legen, nur weil man hier die Lektionen der Geschichte ernst nimmt.

Die Losung lautet: Nie wieder!

Demut und Entschlossenheit sollten aus dem Gedenken an den Holocaust erwachsen, nicht Schuldgefühle. Es geht nicht darum, dass sich Deutsche schlecht fühlen sollen. Niemand von uns, die nach 1945 geboren wurden, können an den Ereignissen von damals etwas ändern. Aber wir können die Zukunft gestalten.

Die Losung, die aus dem Gedenken an die Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands erwächst ist eine einfache: Nie wieder! Die Verantwortung all derer, die eine Lehre aus der Vergangenheit ziehen wollen, ist es, sich Verbrechen gegen die Menschlichkeit – wo und wann immer sie geschehen – entgegenzustellen. Denn in ihrer  Menschenverachtung sind sie mit den Verbrechen des Holocausts zwar nicht identisch, wohl aber verwandt. Jeder Gefahr der Wiederholung muss entschieden entgegengewirkt werden. Das muss im Großen, wie der internationalen Prävention und Unterbindung von Völkermorden und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, ebenso wie im Kleinen geschehen, indem man sich Nationalismus, Hetze und Hass entgegenstellt. Das schließt aber auch die besondere Verantwortung gegenüber dem israelischen Staat und Volk ein.

Man kann sich der Geschichte nicht entziehen. All jene, die gerne Schlussstriche ziehen würden oder erinnerungspolitische Wenden ausrufen, vergessen, dass damit die Vergangenheit nicht verblasst. Der Holocaust ist untrennbar mit der Geschichte des modernen Deutschland verbunden. Man kann davor die Augen verschließen, leugnen und verharmlosen. Oder man kann sich ihr immer wieder aufs Neue stellen.  Denn nur so kann die Erinnerung wachgehalten werden. Denn nur so lebt die Chance weiter, dass Auschwitz nie wieder sei.

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