us_wahl

Die Getrennten Staaten von Amerika

Patrick Schilling ist ehemaliger KONTRA-Redakteur. Seit August diesen Jahres studiert er an der NC State University in Raleigh, North Carolina. Am Vorabend der Wahl teilt er in diesem Artikel seine Wahlkampferfahrungen in einem zutiefst gespaltenen Land  

Wenn am morgigen Dienstag die Wahlkabinen in den USA schließen, wird die Welt eine/n neue/n amerikanische/n Präsident*in  präsentiert bekommen. Das oft beschworene mächtigste Amt der Welt, wessen Sitzes Macht in der Historie oftmals mit Würde getragen, nicht selten jedoch auch zu Ungutem missbraucht wurde, wird von einer 45. Person eingenommen werden. Als Teilhabender dieser Wahl stellt man sich den Moment, in dem die Türen der marathonerprobten Wahllokale schließen – in den USA wird nicht wie bei uns an einem Tag, sondern über Wochen hinweg gewählt – irgendwie teuflisch magisch vor. Es würde nicht verwundern, wäre auf einmal im gesamten Land kollektiv (und doch irgendwie individualistisch) Hans Zimmer zu hören.

Die Wahl selbst erscheint für ferne Europäer*innen so einfach, wie sie nur sein könnte. Das in der Einleitung dieses Erfahrungsberichtes bemühte Sujet des teuflisch-magischen erscheint auch für die beiden Kandidaten passend.

Auf der einen Seite Hillary Clinton. Berufspolitikerin. Kompetent. Erfahren. Establishment. Obamas Erbe verteidigend. Aber eben auch skandalgeprägt, unbeliebt, und, nach eigener Erfahrung urteilend, rhetorisch uninspiriert. Sie ist die einzige würdige Kandidatin für das Präsidialamt dieser Legislaturperiode und endlich die erste Frau auf dem höchsten Posten der Welt. Punkt. Fertig. Über sie ist (ob gut, ob schlecht?) schnell alles gesagt.

Auf der anderen Seite Donald Trump. Businessman, Rassist. Sexist. Diskriminierend. Eine einzige Frechheit für die Welt. Eine Schande für die GOP, in dessen streitbarer Tradition einst so holde Namen wie Georg Washington oder Abraham Lincoln standen. Wer leichtfertig ausländische Staatsoberhäupter beschimpft, Behinderte mokiert, über Migrant*innen wettert und nur allzu gerne im Lockerroom Abscheuliches talkt, der ist nicht nur unwürdig, für das höchste Amt der USA zu kandidieren, sondern ein Paradebeispiel für alles Schlechte in einer über weite Strecken offeneren Gesellschaft, als man das annehmen würde.

Und dennoch erscheint die Wahl hier für die US-Amerikaner alles andere als einfach. Das habe ich bei zahlreichen Wahlkampfveranstaltung, in und zwischen den Vorlesungen, sowie im eigenen Wahlkampf für die Demokraten im Swing State North Carolina selbst erlebt. In dieser Wahl könnte mit North Carolina alles stehen und fallen. Selbiges galt auch für mein Bild von Amerika in den letzten 4 Monaten.

Wie konnte es also so weit kommen? Wie kann jemand wie Donald Trump ernsthafte Chancen haben, eine Wahl zu gewinnen? Die Antwort liegt über weite Strecken in zwei Punkten.

Erstens steht Donald Trump in extremer Form (ausdrücklich erwähnt!) für all das, wofür die AfD in Deutschland steht. Er spielt die Abstiegsängste der Amerikaner geschickt aus. Er stilisiert die Globalisierung als den personifizierten Teufel und macht sie und sie allein dafür verantwortlich, dass im mittleren Westen tausende Jobs fehlen und Fabriken leer stehen. Er schiebt es auf alles Fremde, Unbekannte, ergo Migrant*innen und paart es mit einem kollektiven Feindbild: Dem Islam. Klingt für Juso-Ohren vertraut? Sollte es auch.

Viele Amerikaner sind geprägt von Abstiegsängsten in einer regressiven Moderne. Sie fühlen sich von der neuen Dynamik der globalisierten Welt zurückgelassen. Und sind deshalb willens Trump zu glauben, wenn er Galle spuckend von der Bühne brüllt „I alone can fix it“. Selbst an meiner Uni im akademischen Bereich zu beobachten. Junge Student*innen, die sich für einen 4.0 GPA regelrecht krank schuften, um einen Einstiegsjob zu bekommen. „Mit Donald wird alles besser“, sagen sie. „Er holt unsere Jobs zurück“. Und das bei historisch niedriger 4,9% Arbeitslosigkeit. Verrückt, diese Zeiten.

Der zweite, viel tieferliegende Grund für Trumps Aufstieg liegt in der Gesellschaftsstruktur der USA selbst begraben: Wir blicken hier auf ein zutiefst geteiltes Land. Jeder halbwegs gebildete Mensch hat schon mal vom Bipartisanismus in den USA gelesen. Es selbst zu erfahren ist eine ganz andere Ebene. In einem Kommentar für die SZ teilte Hubert Wetzel die USA jüngst in Trump-Land und Clinton-Land auf. Wie recht er damit hat, kann man sich nicht vorstellen, ohne es erlebt zu haben.

Fakten sind längst überwunden. Ein staatliches Medium wie die Tagesschau, welches zumindest ein Mindestmaß an gesellschaftlichem Konsens abbildet, fehlt. Die Propagandamaschinerie Fox News kreiert in beängstigender Perfektion eine ganz eigene Lebenswelt. Nachdem ich einmal 2 Tage durchgehend Fox schaute und las, war ich selbst beinahe auf dem Sprung zum Wahllokal, um mein Kreuz für Trump zu machen. Zum Glück durfte ich nicht wählen.

Hartgesottene Trump- und Clinton-Anhänger*innen sehen andere Nachrichten, besuchen andere Orte, essen in anderen Teilen der Mensa, reden über andere Themen, leben in eigenen Realitäten. Nichts, und wirklich nichts ist ihnen gemeinsam – bis auf den Hass für die Gegenseite. In so einem Umfeld verwundert es weniger, wie jemand auf die absurde Idee kommen kann, einem Mann wie Donald Trump Zugang zum größten Atomwaffenarsenal der Welt zu gewähren. Ohne arrogant klingen zu wollen kann man sagen: Sie wissen es nicht besser.

Vielen jungen Menschen ist es allerdings auch einfach peinlich über das Thema zu reden. Sie durchschauen die Farce dieser Wahl und wissen um die verheerenden Signale, welche Trump in die Welt sendet. Wer hinter die fragilen Fassaden der Frontlinien schaut, wird überwiegend differenzierte Meinungsbilder finden. Davon kommt in den Medien, insbesondere in ausländischen Medien, nur leider wenig an.

Überhaupt hat Politik in den USA etwas Verzauberndes, wovon sich die gegenwärtige Politik Europas mehr als nur eine Scheibe abschneiden könnte. Auf den Wahlkampf-Rallies wird weniger über punktuelle Budgetkürzungen, als viel mehr über das Große und Ganze gesprochen. Anstelle teils kleinkarierten Bürokrat*innen trifft man auf großdenkende Träumer*innen im besten Sinne, die von Visionen nur so strotzen. Hier weiß man genau, wie die Welt in 10, 50 oder 100 Jahren aussehen soll. In einem Zeitalter der zunehmenden Visionslosigkeit auf dem Alten Kontinent ist das sehr erfrischend.

Der American Dream – so diskutabel er und seine Existenz auch sein mögen – diffundiert aus dem Atem der Redner durch sämtliche Moleküle direkt in die Herzen der Zuhörerschaft. Auch und womöglich vor allem in diejenigen, die in den USA nur zu Gast sind. Wir können viel von den Amerikanern und deren Visionen lernen. Politik macht jungen Menschen hier Spaß. Wahlauftritte werden zum sozialen Event. Politische Leitfiguren werden gefeiert wie Hollywood-Stars. Die uns allen bekannten ermüdenden Versuche aus Deutschland, selbst die eigenen Leute zu den Vorträgen in die Wirtshäuser und Bücherläden zu motivieren, könnte hier ferner nicht sein. Darum – und um vieles Andere – bewundere ich die Amerikaner.

Bei einem Wahlkampfevent wurde ich einmal von einer Trump-Anhängerin gefragt, ob ich es als Europäer nicht verwerflich fände, mich in die US-Wahlen einzumischen. Legitimer Punkt, um ehrlich zu sein. Aber diese Wahl betrifft uns alle. Es geht hier nicht nur um die USA. Es geht hier nicht nur um Donald Trump. Es geht hier nicht nur um das Verhindern einer nationalen Katastrophe.

Es geht um den Glauben an eine offene Welt, in der Jede und Jeder zumindest dieselben Ausgangschancen für sozialen Aufstieg haben sollte. Es geht um Freiheit, Humanismus und Solidarität aller Gesellschaftsgruppen untereinander. Und es geht auch um einen Glauben an die Wahrheit.

Fair is foul and foul is fair. Hover through the fog and filthy air, wie Shakespeare einst schrieb. Was wahr ist und was nicht, lässt sich in diesem aufgeheizten Umfeld kaum noch unterscheiden. Die Welt kann nur hoffen, dass Clinton die Wahl morgen gewinnt.

Die zentrale Wahrheit, die ich am Vorabend der Wahl aus den USA aber zu den Jusos nach Deutschland schicken möchte, ist die folgende: Lasst 2017 nicht zu, dass die AfD ein Umfeld kreiert, welches den getrennten Staaten von Amerika auch nur im Ansatz ähnelt. Auch wenn unser Einfluss auf die US-Wahlen beschränkt bleibt, haben wir Jusos unsere eigene Zukunft im nächsten Jahr doch selbst in der Hand.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.