chat-23713_1280

Doppelplusungute Begriffsbeschränktheit

„Wenn du ein Wort wie ‚gut‘ hast, wozu brauchst du denn dann ein Wort wie ’schlecht‘? ‚Ungut‘ ist genauso gut – sogar besser, weil es das genaue Gegenteil ist, was das andere nicht ist. Oder, wenn du eine stärkere Version von ‚gut‘ willst, welchen Sinn hat es, eine ganze Reihe von vagen, nutzlosen Wörtern wie ‚ausgezeichnet‘ und ‚hervorragend‘ und all den anderen zu haben? ‚Plusgut‘ umfasst die Bedeutung oder ‚doppelplusgut‘, wenn du etwas noch stärkeres willst. (….) Am Ende wird die ganze Vorstellung von Gut und Böse mit nur sechs Worten abgedeckt – in Wirklichkeit nur mit einem Wort. Siehst du nicht, wie schön das ist, Winston? (….) In deinem Herzen würdest du es vorziehen, bei Altsprech zu bleiben, mit all seiner Unbestimmtheit und seinen nutzlosen Bedeutungsnuancen. Du begreifst nicht die Schönheit der Zerstörung von Worten. (….) Siehst du nicht, dass das ganze Ziel von Neusprech darin besteht, den Bereich des Denkens einzugrenzen? (….) Jedes Jahr immer weniger Worte, und die Reichweite des Bewusstseins wird immer etwas geringer.“

Diese Unterhaltung stammt (frei übersetzt) aus dem fünften Kapitel von George Orwells Buch Nineteen Eighty-Four. Dort regiert die totalitäre Partei Ingsoc das Land. Neusprech ist die offizielle Parteisprache. In Neusprech kann man sich nicht mehr nuanciert ausdrücken. Die Vielfalt der Sprache soll zerstört werden. Nonkonformität, Unangepasstheit, Freiheit, Individualität, Selbstentfaltung, Persönlichkeit – all das soll dadurch unmöglich werden.
Ingsoc zeigt damit etwas Grundsätzliches auf: Liberale Demokratie braucht Diskussion. Diskussion braucht Meinungspluralismus. Meinungspluralismus braucht nuancierte Ausdrucksmöglichkeiten.

Diese nuancierten Ausdrucksmöglichkeiten, die die Sprache ermöglicht, müssen wir in Ehren halten und die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, ausschöpfen. Gelegentlich geben wir sie aber leider selbst auf.

Um ein Beispiel zu nennen: Öfters habe ich Leute sagen hören: „AfDler sind Nazis“. Nein, das sind sie nicht. Die AfD ist völkisch, antipluralistisch und damit eine Gefahr für die Demokratie – aber sie ist nicht nationalsozialistisch. Die NSDAP war nicht nur völkisch und antipluralistisch, sondern brauchte auch zwingend Antisemitismus, Führerkult und Konzentrationslager. Diese Kriterien erfüllt die AfD als Partei nicht. Man muss über die AfD und ihre Abscheulichkeiten reden können ohne sie mit dem Nationalsozialismus gleichzusetzen.

Eine ähnliche Begriffslimitierung erlebe ich aktuell teilweise in meiner Timeline, wenn es um die Transitzentren geht. Dort tauchte der Spruch auf: „Transitzonen sind nichts anderes als Lager für Menschen. Hatten wir schon, war scheiße!“.

Nun ist es legitim, Transitzentren „scheiße“ zu finden. Gar keine Frage. Aber Assoziationen an Konzentrationslager zu wecken ist grundfalsch. Nicht jedes Lager ist ein Konzentrationslager. Diese Gleichsetzung verharmlost das singuläre Ausmaß des Zivilisationsbruchs, den der Holocaust darstellt.

Wir müssen stattdessen die zahlreichen Möglichkeiten, die uns unsere Sprache ermöglicht, ausschöpfen. Die Wirklichkeit spielt sich in unendlich vielen nuancierten Facetten ab. Abstrakt gesprochen: 1.000 ist eine hohe Zahl. 1.000.000 ist auch eine hohe Zahl. 1.000 ist deshalb aber nicht gleich 1.000.000.

Winston passt 1984 unter anderem deshalb nicht in das totalitäre Ingsoc-System, weil er sich seine Kommunikationsmittel bewahrt. Davon inspiriert sage ich in all den Möglichkeiten, die mir die deutsche Sprache bietet, meine Meinung über die AfD:

Diese Partei ist völkisch, rechtsradikal, eine Schande und Gefahr für unser Land, furchtbar, ein dauernder Appell an den inneren Schweinehund im Menschen, rückwärtsgewandt, antiemanzipatorisch, verfassungsschutzbeobachtungswürdig, unnötig, hasserfüllt, die Essacher Luft unter den Parteien.

Das macht sie aber nicht zur NSDAP.

Ähnlich verhält es sich mit Asylzentren: Sie sind Zeichen einer Flüchtlingspolitik, die vor den „Gutmenschen“-Rufern kuscht. Das macht sie aber nicht zu zivilisationsbrechenden KZs.

Wenn wir die Komplexität, die Vielfältigkeit, die Schönheit, die Differenziertheit, die Mannigfaltigkeit, den Swag, die wahrlich exquisiten Möglichkeiten, die uns die deutsche Sprache im 21. Jahrhundert bieten, aus eigenverschuldeter Begriffsbeschränktheit verlören, und damit den Bereich des Denkens eingrenzen und die Reichweite des Bewusstseins immer geringer werden würde, dann ließe sich diese Bredouille nur noch mit einem einzigen Wort beschreiben: Doppelplusungut.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.