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Entgegen einem Zeitalter der Apathie

Donald Trump ist als Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt. Wie gestaltet sich die politische Stimmung in den USA? Unser KONTRA-Korrespondent vor Ort, Patrick Schilling, berichtet.

Nun ist es also soweit. Jener Tag, der von beinahe allen Menschen – die politisch Apathischen dieser Tage mit besonders schlechtem Gewissens außer Acht gelassen – herbeigesehnt wurde, ist am gestrigen Freitag Realität geworden: Donald J. Trump wurde zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten vereidigt. Klingt noch immer irgendwie merkwürdig.  Und zwar nicht für diejenigen, die sich seiner Reality-TV Auftritte erinnern, oder für jene, die seinen ominösen Twitter-Eskapaden und sonstigen verbalen Aussetzer während des Wahlkampfes lauschten, sondern auf einer generalisierteren Ebene auch für Alle, die an eine gewisse Kontinuität politischer Regelmäßigkeiten glaubten, in welcher, gegebenenfalls leicht in normativer Romantik der letzten Jahrzehnte verharrend, Anstand, Dignität und eine gewisse staatstragende Aura die conditio sine qua non für politischen Erfolg darstellen. Und doch ist er hier. President Trump. Man wird sich an den Klang der Worte erst noch gewöhnen müssen.

Ein Tag der Sehnsüchte

Sehnsucht weckte der Tag für die einen, die den größten Teils hohlen Versprechen des neuen POTUS Glauben schenkten. Eine Grenzmauer nach Mexiko möchte er bauen. Mexiko solle dafür bezahlen. Einen totalen Einreisestopp für Muslime in die USA möchte er erwirken. Zwischen friedlichen Muslimen und zu Terror gewillten Islamist*innen zu differenzieren kommt ihm dabei nicht in den Sinn (von Betrachtung des internationalen Rechts ganz zu schweigen). Obamacare möchte er aussetzen. Das mit den 20 Millionen versicherungsgefährdeten Amerikanern wird sich schon irgendwie klären. Tat es ja schon immer.

In Anbetracht der Nominierungen seines Kabinetts scheinen die Versprechungen Build the Wall und Drain the Swamp in einer der kaufmännischer Doktrin Trumps so sagenhaft inhärenten Effizienz bereits jetzt Build the Swamp avanciert zu sein. Und amerikanische Jobs (für mich schon jetzt mit einigem Potential zum Unwort des Jahres behaftet) will er zurückholen. Die unausweichlichen technologischen Entwicklungen künstlicher Intelligenz und der Automatisierung beachtet er dabei nicht. Weshalb sollte er auch? Der demokratische Sieg bei der Wahl (namentlich präziser über das Electoral College) und die zahlreich referenzierten Erfolge seines „huge business“ sind doch Legitimation genug für einen Freifahrtschein für die Persona Trump. Er allein kann alles steuern und regeln. Zumindest im von nun an strikt priorisierten America. Personenkult und Show sind eben Prämisse erfolgreicher Inhaltspolitik. So ist das. So war das schon immer. Wenn auch nur in Trumps Welt. Spielt ohnehin keine Rolle mehr.

Sehnsucht weckte der gestrige Tag aber auch für die anderen, deren politische Aspirationen eher in den Barack Obamas dieser Welt ruhen. Individuen, die ihnen in eloquenter Leichtigkeit und intellektueller Gewichtigkeit Hoffnung und Inspiration vermitteln, anstelle sie leicht unkontrolliert spuckend niederzubrüllen. Personen, die die Rolle der freien Presse würdigen, anstelle sie in willkürlich selektiven Auswahlprozessen mal mit Akzeptanz und Lobhudelei zu besingen und mal mit den geflügelten Worten Fake News zu verdammen. Und Figuren, die sich durch friedliche Überzeugungskraft an die Spitze eines aus sich selbst schöpfenden Movement stellen, anstelle es durch die antagonistische Problemkreation erst selbst notwendig zu machen. Obamas letzte Auftritte haben uns eine erste Ahnung davon gegeben, wie sehr dieser Mann uns allen – und dieses Mal seien die politisch Apathischen weitaus besseren Gewissens inkludiert – fehlen wird.

Lethargie greift in den Staaten um sich

Und doch, so erscheint es mir zumindest aus erster Hand aus den USA, konnte sich die Inspiration, das Aufbegehren gegenüber dem Trumpismus der uns korrespondierenden amerikanischen jungen Generation, nicht über den Moment der Inauguration hinaus halten. Die zahlreichen aktiven Proteste erscheinen mir mehr eine Formalität als tatsächliches Feuer zu sein. Massenhafter Passivprotest ist kaum noch beobachtbar. Die lodernde Mutmacherei eines Bernie Sanders ist abgeklungen. Die der amerikanischen Kultur inhärenten und während der Wahl aktivierten (ich berichtete) – hier im neutralsten Sinne zu verstehenden – Sensationsgeilheit scheint den Sprung zu anhaltender Resistenz nicht vermocht zu haben. Die Inauguration ist in Campus-Gesprächen kaum ein Thema. Das Student Government kann sich „endlich wieder dem Tagegeschäft widmen“. Professor*innen nutzen Kaffeepausen wieder lieber zum Smalltalk als zu inhaltlich relevanten Diskussion. Das britische Keep calm and carry on scheint mir hier etwas zu wörtlich genommen worden zu sein. Die etwas nüchterne Analyse lautet wie folgt: Resistenz ist in Teilen der Resignation gewichen.

Viele der Amerikaner*innen, die ich im Vorlauf dieses Artikels befragte (fairerweise sei das unausgeglichene Verhältnis zu Gunsten der Democrats angesprochen), deklamierten von vier verlorenen Jahren für Amerika. Von einer die progressiven Fortschritte der Obama-Administration revidierenden Präsidentschaft eines nach längst obsoleten Werten herrschenden Narzissten. Von einer Degradierung des amerikanischen Images auf der Weltbühne. Und, das wohl Ernüchterndste, implizieren wenn auch ungewollt eine gewisse Hilflosigkeit gegenüber den anstehenden Veränderungen. Hätte man nicht einen inneren Widerstand dagegen, man würde Parallelen zu einem selbst skizzierten Bild der Lost Generation der 1920 formen.

Trump bleibt eine Gefahr

Und ja, Trump gibt allen Grund zur Sorge. Nicht nur, wenn er in seiner Inaugurationsrede davon spricht, dass, whether black, or white, or brown, we all bleed the same red blood of patriots. Sondern auch durch seinen reaktiven 100 day plan. Oder durch die Zusammenstellung seines Kabinetts. Aber dieser Mann an der Spitze der demokratischen Organe ist letztlich eben auch nur genau das: an der Spitze demokratischer Organe.

Deshalb sollte uns die Resignation erschüttern. Deshalb sollten wir aufbegehren, wenn wir von verlorenen vier Jahren hören und lesen. Deshalb sollten wir vor allem als Europäer*innen Merkel, Schulz und Gabriel tatkräftig und lauthals unterstützen, wenn sie Trump in aller Deutlichkeit das gebotene Paroli bieten. Als eine Gemeinschaft. Als eine Jugend. Als ein Organ.

Die Präsidentschaft Trumps ist eine Gefahr für uns alle. Sie steht für den Sieg des Populismus über die Vernunft. Für wirtschaftlichen und kulturellen Isolationismus entgegen Offenherzigkeit und Neugier. Aber Gefahren begegnet man nicht durch Resignation. Man bewältigt sie nicht durch andauernde Passivität. Und man löst sie schon gar nicht durch Apathie. Gefährlicher noch als ein Präsident Trump ist eine progressive Jugend, die den Präsidenten Trump gewähren lässt. Das sollte die Botschaft der Jusos und anderer europäischen Demokrat*innen in die USA sein.

Und so ergibt es sich, dass der scheidende Präsident Obama uns eines seiner famosesten rhetorischen Geschenke im Rahmen seiner Abschiedsrede überreichte. Worte, die aus seinen Organen direkt in die Herzen aller Hörer*innen gehen sollte. Einen Aufruf zur Resistenz gegenüber der Resignation. Einen Weckruf zur Aktivität für all jene, die sich nun mit dem Schlimmsten konfrontiert sehen. Because „Ultimately, that’s what our democracy demands.  It needs you.  Not just when there’s an election, not just when your own narrow interest is at stake, but over the full span of a lifetime.  If you’re tired of arguing with strangers on the Internet, try to talk with one in real life.  If something needs fixing, lace up your shoes and do some organizing.  If you’re disappointed by your elected officials, grab a clipboard, get some signatures, and run for office yourself“. Nehmen wir uns seiner Worte an und brüllen sie lauthals über die schier unendlichen und doch so leicht überwindbaren Weiten des Atlantik.

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