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Es braucht Mut!

In Form einer fiktiven Rede schreibt Matthias Zeller über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der deutsch-israelischen Beziehungen. Dieser Artikel war sein Beitrag für den Wettbewerb um den Otto-Wels-Preis der SPD-Bundestagsfraktion im vergangenen Jahr anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern.  

Herr Präsident,

Meine Damen und Herren Kollegen,

Werte Gäste,

„I will survive!“ (dramatisch gerufen, rechter Arm mit ausgestrecktem Zeigefinger in die Luft).
Adolek Kohn tanzt. Er tanzt auf den Gleisen, die ihn nach Ausschwitz deportierten. Er hat überlebt – „he survived“ und nun, mit 89 Jahren, kehrt er mit seiner Familie zurück um zu tanzen.
Zu sehen ist das Ganze als Video auf Youtube. Man sieht, wie er mit seinen Enkeln vor den Toren des Konzentrationslagers in Ausschwitz eine Choreographie zu dem berühmten Discohit aufführt. Unter den Lettern „Arbeit macht frei“ setzen diese Menschen, setzt ein Jude, der zwei Konzentrationslager der Deutschen überlebte mit seinen Nachfahren ein Zeichen des Muts. Der Clip ist schnell berühmt geworden.
Doch was macht dieses Video aus? Was will uns Adolek Kohn damit sagen?
Es ist ein klares Zeichen gegen das Vergessen. Allen Menschen soll eins gesagt sein: Wir dürfen Ausschwitz nie vergessen! Der Tanz ist sicher kein Ausdruck der Freude, über das Geschehene. Es ist eine spezielle Interpretation und Form der Andacht, die Mut braucht.
Das Video ist leicht zugänglich, jeder kann es aufrufen und ansehen. Insbesondere junge Menschen in Deutschland und Israel haben das gemacht. Und sie denken darüber nach und erkennen die Stärke, die in jedem Tanzschritt steckt. Im Schulunterricht hierzulande trifft man auf eine konventionelle Form der Vergangenheitsbewältigung: Viele empfinden die Nazi-Zeit als äußerst belastenden, Teilweise schon nervigen Teil des Geschichts- und Deutschunterrichts. Was fehlt ist die niederschwellige, moderne und trotz allem verantwortungs- und geschichtsbewusste Vermittlung des wichtigsten und traurigsten Kapitels unserer Vergangenheit. Das Video ist modern und „krass“, doch hat es kein Tabu gebrochen und ist dem Erbe und der Verantwortung gerecht geworden.
Das Video stellt unter Beweis, was es heute wie damals für Andacht, Verarbeitung, aber auch Verständigung braucht: Es braucht MUT!

Auf unseren Ländern, sowohl der Bundesrepublik Deutschland als Nachfolgerin des Deutschen Reiches, als auch auf Israel […], meine Damen und Herren, auf unseren Ländern lastet ein Erbe, welches niemals in Vergessenheit geraten darf. Doch was man aus einem historischen Erbe macht, muss man als Mensch, als Volk oder als Staat selbst entscheiden. Wir alle sind Erben einer dunklen Vergangenheit und historischen Verantwortung. Doch inzwischen und das möchte ich mit Nachdruck betonen, inzwischen sind wir auch Erben einer Freundschaft und einer besonderen Verbindung, die Früchte trägt und eine Bereicherung für Gesellschaft, Kultur, Politik und Wirtschaft darstellt.

Dass es so weit kommen konnte verdanken wir den Generationen, die nach dem Krieg Verantwortung auf sich nahmen und Mut bewiesen: Den Mut, miteinander zu reden. Den Mut, die Hand zu reichen. Den Mut, Unverzeihliches zu verzeihen. Die Ängste, die Feindschaft und der Hass sind gewichen. Heute bezeichnen wir Israel als wichtigsten Partner in Nahost – wir sind Freunde und Verbündete geworden. 50 Jahren ist es jetzt her, da begannen die offiziellen diplomatischen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Staat Israel. Und dass sie an jenem 12. Mai beginnen konnten, war alles, nur keine Selbstverständlichkeit. Wir können uns heute die Situation des Jahres 1965 kaum vorstellen. Für die Politiker, die seinerzeit diesen Schritt nur 20 Jahre nach Kriegsende aufeinander zugingen, war der Zweite Weltkrieg keine Lektion aus den Geschichtsbüchern sondern leibhaftige Erfahrung. Viele wussten nicht nur um die grauenhaften Verbrechen, die Deutsche der jüdischen Bevölkerung Europas angetan hatten, nein, sie hatten diese Verbrechen direkt miterlebt – die Verbrechen waren präsent, für beide Staaten und deren Politiker eine große Bürde.

1965 hieß der Bundeskanzler der Bundesrepublik Ludwig Erhard, der der Politik des NS-Regimes in Deutschland ausgeliefert war. 1965 war der Eichmann-Prozess in Jerusalem gerade 5 Jahre her. 1965 hatte jedes Mitglied des israelischen Kabinetts den Hass Hitler-Deutschlands miterlebt, hatte jeden Tag Kontakt mit den Überlebenden der Shoah. Alles nur keine Selbstverständlichkeit ist es daher, dass jene Menschen in jener Zeit Mut bewiesen, aufeinander zugingen und jenen Schritt taten. Das war ein erster Schritt zur Bewältigung der Trauer und Schuld, es war ein Zeichen der Versöhnung und dient heute als Grundlage unserer engen Freundschaft zu Israel.

[…]

50 Jahre, ein halbes Jahrhundert, dauert diese Partnerschaft zwischen der Bundesrepublik und dem jüdischen Staat jetzt. Sie ist vielleicht neben der Gründung der Europäischen Union und ihrer Osterweiterung die überraschendste und wichtigste außenpolitische Entwicklung unserer Geschichte nach 1945. Wir können dankbar sein, dass es heute in Israel selbstverständlich ist, wenn am Strand von Tel Aviv beim Public Viewing der deutschen Nationalelf zugejubelt wird. Wir können dankbar sein, dass heute tausende Deutsche jährlich in Israel als Gäste willkommen geheißen werden. Um es zusammenzufassen: Ich, Sie und jeder deutsche Staatsbürger sind dem jüdischen Volk für die Gabe und den Mut, uns über die Schatten der Vergangenheit hinweg als Partner und Freunde zu sehen, zu tiefster Dankbarkeit verpflichtet.

Die Beispiele oben zeigen, inzwischen sind wir weiter. Die Freundschaft zu Israel ist „normal“ geworden, obwohl sie immer etwas Besonderes bleiben wird. Viele Projekte wurden gestartet, um die Zivilbevölkerungen zu verbinden. Viele Menschen beschäftigen sich ausschließlich mit der deutsch-israelischen Freundschaft, sei es über das Auswärtige Amt, über Unternehmen oder über NGOs. Das führt uns voran – sie sind das Rückgrat der herzlichen Verbindung über das Mittelmeer! Doch diese Freundschaft bedeutet gleichzeitig nicht, dass wir stets einer Meinung sein müssen. Meine Freunde sind die Menschen, mit denen ich am meisten diskutiere, über die ich mich oft ärgere und mit denen ich mir manchmal uneins bin. Das ist Teil der Solidarität und Verantwortung enger Beziehungen, sowohl unter Menschen, als auch unter Staaten. Es gibt ein altes Sprichwort, welches besagt: „Ein Streit zwischen wahren Freunden bedeutet gar nichts. Gefährlich sind nur Streitigkeiten zwischen Menschen, die einander nicht ganz verstehen.“ Aus meiner Sicht trifft dieser Grundsatz auch auf die Politik hervorragend zu. Deutschlands Politik unterscheidet sich maßgeblich von der israelischen. Doch sie basiert auf den gleichen Grundwerten: Es geht um Demokratie, es geht um Sicherheit und Stabilität, aber auch um den Schutz von Minderheiten und Schwachen. Israel sieht sich mit anderen Bedingungen als Deutschland konfrontiert: Es liegt in einem politisch unsicheren Umfeld und es hat Probleme, die eng mit der Gründung des Staates verbunden sind und die sich niemals ohne Kompromisse lösen lassen werden. In jeder Diskussion um israelische Politik probiere ich diese Bedingungen zu verstehen. Die Bevölkerung Israels hat andere Bedürfnisse und Ängste, als die hiesige – auch das probiere ich zu verstehen, das ist für mich die historische Verantwortung.

Was ich nicht verstehen kann, sind Menschen in Deutschland, die das nicht versuchen und somit ihrer Verantwortung nicht gerecht werden. Diese Verantwortung, aber auch der Mut, zu Freunden zu halten, ist essentiell um Antisemiten wie Ken Jebsen und Jürgen Elsässer eine Absage zu erteilen: „Rassismus und Judenhass haben in Deutschland keine Chance!“ Zu viele Menschen in Deutschland fallen auf die billigen rhetorischen Tricks dieser Menschenfänger hinein. Die deutsche Politik steht Israel gegenüber in der Schuld, durch Präventions- und Aufklärungsarbeit diesen Lügen den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Auf der Basis des Verständnis und der Freundschaft hingegen sind Meinungsunterschiede angebracht und Kritik gegenüber israelischen Politikern aus meiner Sicht legitim. Kein Deutscher darf einen Maulkorb bezüglich Israel fürchten, solang seine Kritik auf einem Verständnis gegenüber Israel beruht und sie Israels Existenz sowie unsere historische Verantwortung nicht infrage stellt.
[…]

Eins sollte klar sein: Auch 70 Jahre nach Kriegsende ist die Beziehung zwischen Deutschland und Israel nicht „normal“, sondern steht weiterhin unter den Zeichen unserer gemeinsamen Geschichte. Aber welche Schlüsse ziehen wir aus jener gemeinsamen Geschichte für das „Jetzt“? Welche für die Zukunft? Müssen wir neu definieren, was Jahrzehnte bestand? Oder sollten wir an alten Wahrheiten weiter unverbrüchlich festhalten?

Ich möchte auf Adolek Kohns Mut zurückkommen: Seinen Mut und seine Form der Verarbeitung, aber auch der Antwort ist speziell und unvergleichbar. Ich werde mich niemals mit 89 Jahren noch so sportlich bewegen können – insbesondere bei dieser Lebensgeschichte wirklich unvergleichbar!
Er hat mir Mut gemacht, diese Rede zu schreiben, doch ich möchte meinen Mut beweisen indem ich eine Utopie der Zukunft unseres Zusammenlebens aufmale. Mein Geschichtslehrer sagte immer: „Wer nicht weiß, wo er herkommt, weiß auch nicht wo er steht und wo er hingeht.“ Helmut Schmidt fordert: „Mut zur Zukunft!“ Beides möchte ich nun, nachdem ich Vergangenheit und Stand der Dinge aus meiner Perspektive erläutert habe, verbinden:

der Versuch, Zukunft zu schildern, ist kompliziert. Doch eines ist für mich sicher: Wir werden für immer an Israels Seite stehen! Allein die Demut vor der Vergangenheit gebietet es. Das Land ist Heimstatt des jüdischen Volkes und es existiert nur, wegen den Verbrechen der Jahre 1933 bis 45.
Es gibt wenige Grundsätze, die tiefer im Fundament der deutschen Politik liegen als das bedingungslose „Ja“ zum Existenzrecht Israels. Auch in den nächsten 50 Jahren muss allen klar sein, dass die Sicherheit unserer israelischen Freunde Säule der deutschen Staatsräson ist. Wir werden nicht zulassen, dass dem jüdischen Staat existenzielle Gefahr droht.

Gleichzeitig nehmen wir viele politische Entwicklungen in Israel wahr, die uns kritisch aufstoßen. Die zunehmende soziale Spaltung. Die auseinander driftenden Vorstellungen zwischen den vielen Bevölkerungsgruppen. Eine nationalistische Politik mancher Parteien, die mit der Lebensrealität vieler Israelis, gerade jener, die nicht dem jüdischen Glauben angehören, nicht vereinbar sind. Und auch der außenpolitische Kurs, gerade gegenüber den Palästinensern im Westjordanland, das sind aus meiner Sicht kritische Punkte.

[…]

Denn Freundschaft und Demut bedeuten in solchen Fällen nicht, dass wir als Deutsche schweigen sollten. In solchen Fällen gilt es, nicht nur über Mut zu reden, sondern ihn auch zu zeigen!
Unsere Diplomatie sollte bestimmter sein! Wir werden unseren Freunden Hilfe anbieten, doch werden wir auch unsere Verantwortung gegenüber der israelischen Zivilbevölkerung gerecht werden müssen, egal in welcher Form.

Wir haben in den letzten 70 Jahren viele Erfahrungen gemacht, die auch Israel dabei helfen können für politische Probleme neue Blickwinkel zu gewinnen. Wir wissen, dass man Nachbarn nicht nur mit Stärke, sondern auch offenen Armen begegnen kann. Wir haben gelernt, dass wirtschaftliche Zusammenarbeit der erste Pfeiler für Brücken über alle Gräben sein kann. Wir haben begriffen, dass man manchmal lieber viele kleine Schritte entschlossen gehen muss, als sich ewig vor dem großen Sprung zu drücken.
Ich wünsche mir, dass Israel für die Lösung des innerisraelischen Konfliktes bereit ist, Hilfe und Rat aus Deutschland anzunehmen.
Doch auch von unserem Land wünsche ich mir einige Dinge, für eine florierende Freundschaft zu Israel, um unserer Verantwortung gerecht zu werden:

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, beklagte zuletzt, dass man als Jude in gewissen Stadtbezirken Deutschlands nicht mehr mit Kippa auf dem Kopf unterwegs sein könne. Er riet den Juden persönlich davon ab, die Kippa in Berlin-Neukölln und weiteren Gegenden zu tragen um sich vor Anfeindungen zu schützen. Für mich ein äußerst alarmierendes Zeichen. Unser Land tut gut daran, Religionen und insbesondere die religiöse Minderheit der Juden nach bestem Wissen und Gewissen zu schützen. Wenn der höchste Interessensvertreter der jüdischen Gemeinde in Deutschland schon solche bedrohlichen Worte spricht, dann läuft in unserem Land etwas nicht richtig. Die Politik hat dafür zu sorgen, dass jeder Mensch seine Religion frei und offen leben kann. Bei den Juden aus meiner Sicht mit noch mehr Nachdruck.

[…]

Auch möchte ich an jeden einzelnen Beteiligten, sowohl in Israel, als auch in Deutschland auffordern, seine eigene Verantwortung wahrzunehmen. Wir sind und bleiben Demokratien, die auf ein Volk bauen. Orte wie das Willy-Brandt-Center sind Treffpunkte, um zu Vermitteln und um Verantwortung zu übernehmen. Ich fordere noch mehr solcher Zentren für den interkulturellen Austausch! Ich fordere die junge Generation auf, sich dem Erbe anzunehmen und es aktiv zu gestalten.

[…]

Um ein letztes Mal den Mut anzusprechen: Die Zeitzeugen der Shoah werden nicht mehr lange unter uns verweilen, Menschen wie Adolek Kohn werden in Zukunft keine Zeichen und Impulse für den Umgang mit dem historischen Erbe geben können. Sie haben versöhnt, der Tanz drückt Versöhnung aus. Das Erbe der Versöhnung muss verteidigt und weiter gefördert werden – die Versöhnung ist ein großes Geschenk! Die Aufgabe unserer Generation ist es, mutig dort weiterzumachen, wo man uns hingeführt hat und ihren Mut in die nächsten Generationen weiterzugeben. Der Mut ist zum Fundament der deutsch-israelischen Beziehung geworden. Der Mut wird es sein, der dazu führt, dass unserer Beziehung weiterhin so bereichernd und intensiv sein wird, wie bisher. Um es nochmal zusammenzufassen wir brauchen Mut in der Diskussion, Mut für das gemeinsame Zusammenleben und Mut, um die Beziehung auf eine noch verflochtenere und vertrautere Ebene zu führen.

Matthias Zeller ist 20 und Landesausschusspräside der Jusos Baden-Württemberg. Aktiv ist der Student der Volkswirtschaft zudem bei der Juso-Hochschulgruppe in Mannheim.