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Finde das Schlechte im Guten – die garstigen Stimmen um Chemnitz‘ Zeichen für Toleranz und Offenheit

Wenn KONTRA-Redakteurin Vanessa Bossler (KV Emmendingen) einen Beitrag mit einem Altmaier-Zitat beginnt, muss es um Grundsätzliches gehen: Mit ihrem Beitrag unterstreicht sie, warum Symbole des Zusammenstehens und der Hoffnung, wie das #wirsindmehr-Konzert in Chemnitz jetzt besonders wichtig sind.

„Die Mehrheit sind nicht die, die schreien. Ihr spaltet und zerstöret immerfort. Humanität ist stärker als Euer garstig Wort.“, schreibt Peter Altmaier auf Twitter. Es ist eine Reaktion auf den Tweet von Beatrix von Storch. Die AfD-Politikerin kommentierte das Konzert, das am Montagabend in Chemnitz stattfand mit den Worten: „Ihr seid nicht mehr. Ihr seid Merkels Untertanen, ihr seid abscheulich – und ihr tanzt auf Gräbern.“

So wenig Peter Altmaier zweifelsohne der Sprache der sozialen Netzwerke mächtig ist, so treffender ist dennoch seine Aussage. Rechte spalten und zerstören in diesen Tagen sehr viel, über das Bürgerinnen und Bürger Deutschlands froh sein sollten: Weltoffenheit und Toleranz.

#wirsindmehr

Am Montag, den 03. September fand das „#wirsindmehr“-Konzert in Chemnitz statt. Auftraten die Toten Hosen, Kraftklub, Feine Sahne Fischfilet, KIZ, Casper, Trettmann und Materia. Insgesamt erschienen über 65 000 Menschen, um sich mit guter Musik gegen die rechte Hetze auszusprechen, die sich in den letzten Wochen in Sachsen breit gemacht hatte. Weitere 947 000 schauten sich den Konzertmitschnitt auf Youtube an. Eigentlich ein grandioses Zeichen, das Seelenfutter für all diejenigen ist, die mit Schrecken die Ereignisse in Chemnitz verfolgt haben. Ein Zeichen, das alle Menschen erleichtert aufatmen lässt, die mehr Angst vor einem wütenden Nazimobb haben, als vor der Islamisierung des Abendlandes.

Doch die garstigen Aussagen mehren sich seit Montagabend – und das nicht nur von Menschen, von denen man nichts anderes erwartet hätte. Es war klar, dass Beatrix von Storch nicht in den Chor der Menschen einstimmt, die lautstark „deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe!“ singt. Doch die verächtlichen Stimmen kommen auch aus der Presse und aus Altmaiers‘ eigener Partei.

Kramp-Karrenbauer und die FAZ irrlichtern

Annegret Kramp-Karrenbauer kritisierte Steinmeier dafür, das Protestfestival auf seiner Facebookseite unterstützt zu haben. Ihre Begründung: die Punkband „Feine Sahne Fischfilet“ habe in manchen Songs bereits zu Gewalt gegen Polizist*innen aufgerufen. Lars Klingbeil verwies in einem Tweet darauf, dass Kramp-Karrenbauer bereits selbst auf einem Festival gewesen sei, auf dem Feine Sahne Fischfilet aufgetreten war. Die Definition „Doppelmoral“ erfüllt AKK nicht nur deshalb, sondern auch, indem sie nicht erkennt: Es sollte davon abgesehen werden, eine Punkband wegen Schimpfen auf die Polizei zu dämonisieren, während Monate zuvor im eigenen Land zwei Rapper trotz Holocaust-Vergleich mit dem Echo ausgezeichnet worden waren. Wie bei Kollegah und Farid Bang gilt: Künstlerische Freiheit.

Nicht nur Spitzenpolitiker*innen schaffen es, ein wunderbares Event, das unsere Demokratie stärken sollte, schlechtzureden. Die FAZ schreibt: „Die Menschen, die gegen Rechts auf die Straße gehen, sind in Chemnitz tatsächlich mehr. Zumindest, wenn es ein schönes Konzert kostenlos gibt.“

Beim „#wirsindmehr“-Konzert ging es nicht darum, der ganzen Welt zu präsentieren, dass die Antifa stärker ist, als die rechte Szene. Wie Campino von den Toten Hosen im Interview richtig festgestellt hat, es geht nicht um links oder rechts, sondern darum sich einem wütenden Rechtaußen-Mob entgegenzustellen. Dabei sollte es egal sein, wo genau sich die politischen und moralischen Vorstellungen der Gegendemonstrierenden trennen. Wichtig ist: die Menschen, die in Chemnitz versammelt waren, bekennen sich gegen einen fremdenfeindlichen Mob – ob sie nun politisch aktiv sind, ob sie links oder antifaschistisch sind oder ob sie einfach nur Musik mögen und Nazis nicht. Einen Kollektiv-Vorwurf anzubringen, die Besucher*innen hätten nur ein gratis Konzert haben wollen, beleidigt alle Menschen, die sich nicht dem aggressiven braunen Mob anschließen wollen und somit unsere demokratischen Werte verteidigen.

Symbole, die Hoffnung machen

Es ist erstaunlich, wie viele Menschen den Wert einer solchen Gegenveranstaltung nicht erkennen. Wir sollten dankbar sein für dieses Symbol von Weltoffenheit und Toleranz. Es sollte uns Hoffnung geben, dass sich die Ereignisse von 1933 nicht wiederholen werden. Stattdessen nutzen Politiker*innen wie Annegret Kramp-Karrenbauer es zur politischen Instrumentalisierung, um einen Bundespräsidenten des eigenen Koalitionspartners öffentlich zu diffamieren. Und Journalist*innen, wie den FAZ-Autor*innen Johanna Dürrholz und Sebastian Eder fällt nichts Kreativeres ein, als den Bürgerinnen und Bürgern Deutschlands vorzuwerfen, sie wollten sich bloß ein gratis Konzert erschleichen.

Schade nur, dass diese nervig-nörgelnden Stimmen untergehen. Denn was bleibt ist Folgendes: 65 000 Menschen, die in Chemnitz auf dem Konzert „Schrei nach Liebe“ mitgebrüllt haben. 947 000 Menschen, die das Video des Konzerts zuhause vor dem Fernseher oder unterwegs auf dem Handy angeschaut haben. Weitere tausende Nutzer*innen, die Statements der Bandmitglieder oder kurze Musikclips aus Chemnitz in sozialen Netzwerken gelikt und geteilt haben.

Die Stimmen der Menschen, die gegen Nazis sind, waren dieses eine Mal lauter und das ist, gerade in diesen Zeiten, Balsam für unsere antifaschistischen Seelen.

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