Gedanken über die Gleichberechtigung von Frau und Mann in Deutschland

Am 19. Januar 1919 durften Frauen in Deutschland erstmals auf nationaler Ebene ihr Wahlrecht ausüben. Zu diesem 100 jährigen Jubiläum gewährt uns unsere KONTRA Redakteurin, Jule Simon (KV Tübingen), einen Einblick in ihre Gedanken zur Gleichberechtigung von Frauen und Männern in Deutschland.

Wo wir heute stehen

Diesen Donnerstag hat der Bundestag in einer Feierstunde an die Einführung des Frauenwahlrechts vor 100 Jahren in Deutschland erinnert. In seiner eröffnenden Rede sprach Wolfgang Schäuble von „formalen Rechten“, die lange darauf warten mussten, „selbstverständliche gesellschaftliche Wirklichkeit“ zu werden. Selbstverständliche gesellschaftliche Wirklichkeit. Das kann ich nicht unkommentiert lassen. Sicher, das formale Recht, dass Frauen gleichberechtigte Staatbürgerinnen sind mit denselben Rechten, sich an der Gestaltung des öffentlichen Lebens zu beteiligen, das existiert. Aus diesen selben Rechten für Männer und Frauen folgen aber nicht dieselben Möglichkeiten und keinesfalls eine „selbstverständliche gesellschaftliche Wirklichkeit“. Da reicht ein kurzer Blick in die Wirtschaft: Der Frauenanteil in Vorständen von DAX-Unternehmen beträgt rund 12 Prozent, bestätigt eine Studie aus 2018 der Allbright Stiftung. Und Deutschland ist das einzige der untersuchten Länder, das keinen einzigen weiblichen CEO vorweisen kann. Für 2017 hatte das statistische Bundesamt errechnet, dass knapp 30 Prozent aller Führungspositionen in Deutschland weiblich besetzt sind und das, obwohl Frauen im Schnitt gleiche oder höhere Bildungsabschlüsse und Qualifikationen als Männer erreichen. Aber Schäuble hätte sich gar nicht die Mühe machen müssen, diese Statistiken heranzuziehen, um seine Aussage als realitätsfern zu erkennen. Ein aufmerksamer Blick in die ihm gegenüberliegenden Reihen im Bundestag hätte gereicht. Dort sind aktuell 31 Prozent der Plätze von Frauen besetzt. Das ist für mich keine selbstverständliche gesellschaftliche Wirklichkeit gelebter Gleichberechtigung von Frau und Mann. Das ist für mich ein Anstoß darüber nachzudenken, was Frauen die Ausübung ihrer Rechte erschwert.

Ein Teufelskreis der Wahrnehmung über die Rolle der Frau

Die Gesellschaft reproduziert ein Bild von Frauen, das es ihnen erschwert an Machtpositionen zu kommen. Ehrgeiz – eine Charakterstärke bei Männern – wird in seiner weiblichen Form zu Verbissenheit. Laut, zuspitzend, schlagfertig – Elemente männlicher Durchsetzungsfähigkeit werden bei Frauen tendenziell als unangemessen und hysterisch wahrgenommen. Frauen pflegen daher eher vornehmere Gesprächsformen, lassen andere ausreden – und haben damit in Talkshows verloren. Medien reagieren auf gesellschaftlich festgelegte Geschlechterrollen und verstärken sie damit wieder. Die Kameraführung stellt bei Männern Gesichter und damit Ausdrucksstärke und Mimik in den Mittelpunkt. Frauen werden viel häufiger ganzkörperlich dargestellt – was den Fokus auf den Kleidungsstil legt und auf Aussehen reduziert. Bei Frauen gehen Interviewfragen schneller ins Persönliche und lenken somit von Inhalten und Facharbeit ab. All das führt dazu, dass in Deutschland zum Teil eine vorsintflutliche Wahrnehmung der gesellschaftlichen Rolle der Frau vorherrscht, die wiederum dazu führt, dass Frauen dieser wahrgenommenen Rolle – ob bewusst oder unbewusst – entsprechend handeln und dann eben doch für die Kinder zuhause bleiben, sich um pflegebedürftige Familienangehörige kümmern oder Haushaltsaufgaben zusätzlich zu ihrer Arbeit erledigen.

Die männlichen Spielregeln

Sicherlich widersetzen sich immer mehr Frauen diesem oben gezeichneten Bild und immer mehr Männer sehen sich für mindestens 50 Prozent des Haushaltes zuständig. Nichtsdestotrotz müssen sich Frauen bis heute ungleich mehr anstrengen, um auf der Karriereleiter nach oben zu klettern. Das ist unfair und resultiert in den Ergebnissen der oben angeführten Statistiken. Oft wird von einer gläsernen Decke gesprochen, die Frauen daran hindert über einen bestimmten beruflichen Status hinaus befördert zu werden. Wie der Name schon sagt ist die gläserne Decke nicht sichtbar, nicht konkret belegbar. Und genau deswegen finde ich es umso wichtiger, diese zu beschreiben, um sich der männlich dominierten Strukturen bewusst zu werden, um die Spielregeln zu durchschauen, die Männern Chancen und Möglichkeiten bietet, die Frauen nur schwer zugänglich sind. Die Schlüsselworte hier sind: Netzwerken und Präsenz. Es gibt die Erklärung, dass Männern das Netzwerken im Blut liege, weil sie sich seit Jahrhunderten zum Jagen zusammenschließen mussten, während Frauen als Einzelkämpferinnen sich einen Ernährer zu sichern hatten. Ob diese Erklärung stimmt oder nicht – Tatsache ist, dass das Networking vielen Männern tendenziell leichter fällt, was die Erfolgsaussichten im Beruf um einiges erhöht. Bei Plenardebatten in Parlamenten oder beruflichen Meetings ist auffällig, wie Männer sich gegenseitig in ihren Redebeiträgen erwähnen und loben und sich gegenseitig Applaus spenden. Männer bekommen von der Gesellschaft ein anderes Freizeit- und Vernetzungsverhalten vorgelebt: sie suchen sich eher gezielt Bekanntschaften oder Freundschaften, die ihnen von Nutzen sein können und pflegen diese Kontakte dann aktiv. Sie besuchen Stammtische und trinken zusammen ein Feierabendbier während Frauen schon auf dem Heimweg sind. Das andere ist die Präsenz: viele Männer reden oft, nur um des Redens Willen. Das ist in Talkshows gut erkennbar. Während vor allem Expertinnen aus der Wissenschaft (Politikerinnen haben das männlich geprägte dominierende Redeverhalten häufig übernommen) präzise versuchen ihre Punkte klar und kurz zu fassen, holen Männer oft weitschweifig aus und reizen ihre Redezeit bis zum geht-nicht-mehr. Damit bauen sie sich eine Bühne auf der sie als Alleinunterhalter auftreten, sich so präsentieren, wie sie gesehen werden wollen und sich ins Gedächtnis der Zuhörer und Zuhörerinnen schleichen. Diese Beispiele beschreiben Reinformen, denen sicherlich nicht alle Frauen und alle Männer entsprechen. Aber es sind diese gesellschaftlichen Strukturen, die – ob nun offensichtlich oder versteckt – immer wieder aufblitzen und zusammengenommen den beruflichen und gesellschaftlichen Aufstieg für Männer ungleich erleichtern.

Und jetzt?

Was können wir also tun, um vor dem Hintergrund des 100jährigen Frauenwahlrechts in Deutschland weiter daran zu arbeiten, dass die Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann eine selbstverständliche gesellschaftliche Wirklichkeit wird? Auf der einen Seite geht es darum, Menschen zu sensibilisieren, Machtspiele, die meines Empfindens bislang hauptsächlich von Männern gespielt werden auch Frauen bewusst zu machen, um ihnen die Möglichkeit zu bieten, mitzuspielen und gesellschaftliche Wahrnehmungen zu beeinflussen. Das sind eher subtile Maßnahmen. Ganz konkret kann die Politik aber einiges tun, um Frauen und Männern gleiche Chancen in der Gesellschaft zuzusprechen. Frauen in Führungspositionen und in politischen Ämtern strahlen aus und erleichtern weibliche Nachfolgen. Deswegen halte ich ein Paritätsgesetz für Wahllisten und eine verbindliche höhere Frauenquote in Führungspositionen für wichtige Maßnahmen. Und die Kritik von „Quotenfrauen“ lasse ich hier nicht gelten. Seit Jahrhunderten werden Männer besser qualifizierten Frauen vorgezogen – bis eine ausgeglichene Situation erreicht ist, halte ich das Risiko, Frauen eventuell besser qualifizierten Männern vorzuziehen, für angemessen. August Bebel schrieb über Frauen, sie hätten nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht sich zu wehren und jedes guterscheinende Mittel zu ergreifen, um sich in eine unabhängige Stellung zu bringen. In meinen Augen fallen Paritätsgesetz und Quoten genau unter diese guterscheinenden Mittel. Die Parität, die das Grundgesetz in Artikel 3 garantiert ist erst dann erreicht, wenn genauso viele unfähige Frauen in Führungspositionen sitzen, wie unfähige Männer. Das ist unser Recht!