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Her mit dem ganzen Leben! – Warum wir den Sechsstundentag brauchen

Die Einführung des Sechsstundentags – eine schöne Utopie? KONTRA-Redakteurin Julia Müller sieht darin eine Notwendigkeit in Zeiten der Digitalisierung. In ihrem Beitrag argumentiert sie, warum es jetzt Zeit ist, diese Idee ernst zu nehmen.

Der Achtstundentag gehörte von Beginn an zu einer der zentralen Forderungen der internationalen Arbeiter*innenbewegung. Hinter der Parole „Acht Stunden arbeiten, acht Stunden schlafen und acht Stunden Freizeit und Erholung“ versammelten sich Gewerkschaften und sozialistische Parteien aller Industrieländer. Die Auseinandersetzung wurde hart geführt; in Deutschland war für den gesetzlichen Achtstundentag die Revolution von 1918 nötig. Doch die Verkürzung des Normalarbeitstages ist keinesfalls nur für historisch Interessierte ein Thema. Wir brauchen heute den gesetzlichen sechsstündigen Arbeitstages bei vollem Lohnausgleich, wie ihn bereits Gewerkschaften fordern. Dafür spricht eine Vielzahl von Gründen, sowohl ökonomische als auch gesellschaftliche als auch humanistisch-idealistische.

Gegenwärtig geht der Trend gemäß der Logik des Kapitals freilich in die entgegengesetzte Richtung hin zu längeren Arbeitszeiten und einseitiger Flexibilisierung zulasten der Arbeiter*innen. Begründet wird dies mit dem kapitalistischen Wachstumserfordernis. Und natürlich liegt es zunächst im Interesse der Unternehmer*innen, möglichst wenige Arbeitskräfte bezahlen zu müssen. Aber das ist die Perspektive der Kapitaleigentümer*innen.

Für die Lohnabhängigen und damit die große Mehrheit der Gesellschaft ist gerade die Verkürzung der Arbeitszeit eine ökonomische Notwendigkeit. Automatisierung und Digitalisierung verringern den Bedarf an menschlicher Arbeitskraft immer weiter. Bisher konnten die Auswirkungen der Automatisierung in der Industrie teils über den Dienstleistungssektor ausgeglichen werden. Von der sich mit immer stärkerer Dynamik entfaltenden Digitalisierung sind jedoch auch die Dienstleistungen betroffen. Expert*innen schätzen, dass die Digitalisierung insgesamt bis zu 80% der Arbeitsplätze überflüssig machen könnte. Diese drohende Massenarbeitslosigkeit stellt die Gesellschaft vor große Herausforderungen. Dabei ist nicht die neue Technologie das Problem, sondern die Organisation der Arbeit mit der Technologie. Die Automatisierung und Digitalisierung steigern die Produktivität und verringern so die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit. Dies kann sich für die Arbeitenden sehr positiv auswirken – wenn sich auch die individuelle Arbeitszeit dadurch verkürzt.

Die gegenwärtige Arbeitsbelastung ist vielfach zu hoch, sodass es zu arbeits- und stressbedingten Erkrankungen wie beispielsweise Burnout und Depressionen kommt. Diese Entwicklung muss gestoppt und umgekehrt werden. Die Wirtschaft muss den Menschen dienen, statt dass die Menschen für das Profitinteresse gezwungen werden, ihre Gesundheit zu opfern.

Der Sechsstundentag ermöglicht des Weiteren mehr Zeit für gesellschaftliches und politisches Engagement, die ansonsten leider vielen fehlt. Somit profitiert die demokratische Kultur von mehr Teilhabe. Auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie kann so besser gelingen. Der kürzere existenzsichernde Arbeitstag als Norm für alle erleichtert auch eine geschlechtergerechte Aufteilung der Reproduktionsarbeit. Ob man die Zeit letztlich dafür nutzt, in einem Verein mitzumachen, etwas mit Freund*innen und Familie zu unternehmen oder mal wieder ein gutes Buch zu lesen – allgemein dient die Einführung des Sechsstundentags der Entfaltung des Individuums in kultureller und sozialer Hinsicht. Diese Entfaltung findet eben nicht primär bei der Lohnarbeit, sondern wesentlich in der Freizeit statt.

Natürlich ruft das Kapital bei dieser Vorstellung entsetzt: „Aber die Produktivität wird sinken!“ Diese Unkenrufe sind in ihrer pauschalen Schwarzmalerei schlicht falsch. In Schweden gab es in den letzten Jahren bereits Experimente mit dem sechsstündigen Arbeitstag in einigen Unternehmen und kommunalen Einrichtungen. Dort ist die Produktivität eher gestiegen, da die Arbeiter*innen seltener krank und allgemein motivierter waren. Es muss jedoch dafür gesorgt werden, dass nicht dasselbe Arbeitspensum in einer kürzeren Zeit erledigt werden muss und dadurch der Druck wächst. Daher ist eine ergänzende Regelung zum Personalausgleich notwendig.

Wie damals der Kampf für den Achtstundentag hat heute der Sechsstundentag das Potential, gemeinsames und einigendes Ziel der Arbeiter*innenbewegungen vieler Länder, insbesondere in Europa, zu werden. Das ist besonders dringend angesichts der leider zu beobachtenden Anziehungskraft nationalistischer Ideologien auch für Arbeiter*innen. Der Kampf für ein solches gemeinsames Ziel könnte die dadurch gezogenen Gräben überbrücken und zu einem neuen Bewusstsein der gemeinsamen Interessen und der internationalen Solidarität führen. Außerdem gelingt es so möglicherweise, den unbedingten Leistungsparolen um der nationalen Wirtschaft willen ihre Überzeugungskraft zu nehmen. Diese fördern nicht nur einen für den Internationalismus fatalen Standortpatriotismus, sondern auch eine bedenkliche Glorifizierung der Lohnarbeit um ihrer selbst willen, die allzu leicht in Ressentiments gegen als unproduktiv geltende Menschen umschlägt.

Die Auseinandersetzung selbst hat also schon ein wichtiges positives Potential für eine neue progressive Linke. Für eine solche Bewusstseinsbildung ist der Kampf um das konkrete Ziel des Sechsstundentages auch erfolgsversprechender als rein theoretische Belehrung. Des Weiteren verhindert eine gesamteuropäisch geführte Auseinandersetzung, dass die Arbeiter*innen der einzelnen Länder weiter in eine ruinöse Abwärtsspirale der Konkurrenz gedrängt werden. Der Sechsstundentag ist gerade auch in Ländern, in denen die Arbeitslosigkeit weit höher liegt als in der BRD, ein dringend erforderliches Instrument. Die Zeit ist reif für den Sechsstundentag. Die Länge des Arbeitstages entspringt keinem Naturgesetz – sie ist Ergebnis einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Lasst uns diese gemeinsam im Sinne des guten Lebens und der Freiheit führen!

Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:8hoursday_banner_1856.jpg

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