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Israel-Delegationsreise: Ganz nah dran (Teil I)

„Fünfzehnmal Israel und zurück“, hieß es im vergangenen Dezember für eine Delegation der Jusos Baden-Württemberg: Eine Woche lang erkundete die Gruppe auf Einladung des Willy-Brandt-Centers das heilige Land – Diskussionen, Überraschungen und Abenteuer inklusive. Lara Herter (Kreisverband Zollernalb) gibt im ersten Teil ihrer Reportage Einblick ins Reisetagebuch und schreibt über die politischen Hintergründe.

Lautes Lachen und angeregte Gespräche erfüllen den Raum, in der Kochecke wird improvisiert, der Geruch von Kardamom und Kümmel liegt in der Luft, junge Menschen aus allen Winkeln der Erde trinken gemeinsam das ein oder andere Bier, lernen neue Trinkspiele kennen und besonders Mutige schließen sich sogar spontan zu Bands zusammen: Im Jerusalemer Abraham-Hostel herrscht buntes Treiben.

Mittendrin sitzt ein Teil unserer Juso-Truppe und versucht, den CNN-Livestream zum Laufen zu bringen. Nur vereinzelt schauen noch ein paar andere Hostelbewohner*innen auf ihre Smartphones und lassen sich von dem Ereignis ablenken, das Jerusalem, Israel, schlussendlich sogar die gesamte Weltgemeinschaft bewegen wird: Der US-Präsident verkündet, Jerusalem offiziell als israelische Hauptstadt anzuerkennen und die Botschaft der Vereinigten Staaten nun tatsächlich von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen.

Wer die Nachricht gehört oder gelesen hat, schaut unweigerlich etwas verunsichert in die Runde. Welche Auswirkungen diese Entscheidung wohl haben mag, werden wir in den kommenden Stunden und Tagen emotional debattieren.

Mehr als nur ein Umzug

„Fühlt sich irgendwie nicht gut an, von Donald Trumps politischem Feingefühl abhängig zu sein“, gehört noch zu den sarkastischeren Kommentaren. Wird es zu gewaltsamen Demonstrationen kommen, während wir im Herzen Jerusalems an einer Hostel-Bar stehen?

Doch viel weitreichender: Was bedeutet die Ansage für die Region? Für den Friedensprozess zwischen Israelis und Palästinenser*innen? Und all dies führt zu den vielleicht zentralsten Fragen: Weshalb ist es überhaupt derart kontrovers, wenn die US-Diplomat*innen in Tel Aviv Umzugskisten packen und künftig in Jerusalem arbeiten sollen? Und ist Jerusalem denn nicht selbstverständlich die Hauptstadt Israels?

Jerusalem ist heilig – darin stimmen Jüd*innen, Christ*innen und Muslim*innen überein. Alle drei monotheistischen Weltreligionen sind in ihrem Glauben eng mit der Stadt verbunden, immerhin befinden sich dort bedeutsame Pilgerstätten. An dieser Stelle jedoch hören die Gemeinsamkeiten auf und der Konflikt beginnt: Vor allem zwischen Jüd*innen und Muslim*innen beziehungsweise Israelis und Palästinenser*innen.

Im Mai 1948 wird der souveräne Staat Israel ausgerufen. Für jüdische Gläubige weltweit erfüllt sich ein uralter Traum – endlich, nach all den Grausamkeiten, die Jüd*innen in ihrer Vergangenheit ertragen mussten (die Erinnerungen an den Faschismus und die Shoa in Europa sind schmerzhaft präsent), keimt Hoffnung auf.

Im ersten Weltkrieg besetzte Großbritannien das damalige Palästina. Bald darauf werden die Brit*innen auf einer Konferenz der Alliierten Kräfte mit der Verwaltung Palästinas beauftragt. Eine große Herausforderung bereitet den Brit*innen nun Kopfschmerzen: Es gilt die Balfour-Deklaration aus dem Jahr 1917 voranzutreiben. Darin verpflichtet sich Großbritannien, in Palästina eine „nationale Heimstätte“ des jüdischen Volkes zu fördern. Gleichzeitig sollen die Rechte bereits bestehender nicht-jüdischer Bevölkerung gewahrt werden. Beides in Einklang zu bringen, will den Brit*innen allerdings nicht recht gelingen. Ende 1947 schlagen die neu-gegründeten Vereinten Nationen einen Teilungsplan für Palästina vor – sowohl für die Israelis als auch für die Palästinenser*innen sind Gebiete und somit zwei unabhängige Staaten vorgesehen.

Ein komplexes Vorhaben, das auch über 70 Jahre später nicht funktioniert. Beide Seiten berufen sich auf Selbstbestimmungsansprüche, direkt nach der Ausrufung des Staates Israel eskaliert die Situation. Es folgen mehrere Kriege, Friedensverhandlungen mit unterschiedlichen Erfolgen und Rückschritten, die erste und die zweite Intifada.

Jerusalem mit seiner herausragenden religiösen Bedeutung bleibt einer der sensibelsten Streitpunkte des israelisch-palästinensischen Konflikts. Im Rahmen des UN-Teilungsplans sprechen sich die Vereinten Nationen für eine internationale Verwaltung der Stadt aus, dazu kommt es aber nicht.

Im ersten Nahost-Krieg 1948 erobert Israel den westlichen und Jordanien den östlichen Teil Jerusalems. Die Stadt ist damit de facto geteilt. Während des Sechs-Tage-Kriegs 1967 erobert Israel auch den arabisch geprägten Ostteil Jerusalems inklusive der Altstadt, 1980 erlässt die Knesset, das israelische Parlament, das Jerusalemgesetz – in diesem heißt es, dass „das vereinte Jerusalem… in seiner Gesamtheit die Hauptstadt Israels“ ist.

Acht Jahre darauf ruft die Palästinensische Befreiungsorganisation einseitig den Staat Palästina aus, zur Hauptstadt wird Jerusalem erklärt – allerdings ohne zu diesem Zeitpunkt die Kontrolle über das beanspruchte Gebiet zu besitzen.

Seit 1980 befinden sich keine Botschaften mehr in Jerusalem, sie sind stattdessen in Tel Aviv untergebracht. Die Entscheidung des Weißen Hauses, die eigene Botschaft zu verlegen, trifft also einen wunden Punkt.

Wir selbst erleben die teils gewaltsamen Reaktionen der arabischen Bevölkerung auf Donald Trumps Vorstoß nur bedingt: Sprechchöre sind zu hören, dichter Rauch steigt in der Ferne auf, unsere Reisepläne werden der Sicherheitslage angepasst.

Dennoch sind wir an den Frieden gewöhnten Westeuropäer*innen einem Konfliktherd näher denn je. Es bringt uns zum Grübeln.

Ein paar Meter zwischen den Religionen

Uriel grinst: Wir sammeln uns am Fuße des Tempelbergs und es steht uns in die Gesichter geschrieben, was wohl die meisten Jerusalem-Reisenden fühlen – Faszination, Ehrfurcht, Überwältigung. Seit einigen Jahren lebt Uriel schon in Israel, beherrscht mehrere Sprachen fließend, ein eloquenter Mann mit sonnengebräunter Haut und olivgrüner Baskenmütze.

Heute ist er unser Guide und weist uns den Weg zu heiligen Stätten, quer durch enge Gassen, vorbei an Ständen und Ladengeschäften, die getrocknetes Obst, süße Baklava, bunte Kleidung, gemusterte Schals und religiöse Schriften anbieten. Gleich zu Beginn der Altstadttour erklärt Uriel einen wichtigen Aspekt, der das angespannte Nebeneinander von Judentum, Islam und Christentum verstehen lässt: Archäologie ist auch Politik. Nicht nur, aber insbesondere in Jerusalem.

„Archäologie legt Geschichte offen. Es fragt sich aber – welche?“, beschreibt Uriel. Ein Beispiel: 2013 entdeckte ein Forschungsteam Goldmützen an der Mauer des Tempelbergs. Klingt unspektakulär, ist aber hochkontrovers. Denn der goldige Fund stammt aus dem 7. Jahrhundert nach Christus, zeigt eindeutig jüdische Symbole und wurde in dem heute mehrheitlich von Palästinenser*innen bewohnten Stadtteil Silwan gefunden. Die Münzen sind eine kleine Sensation, da der Fund nach Aussagen der leitenden Archäologin den durchgehenden Einfluss von Jüd*innen in Jerusalem belegt. Die Palästinenser*innen jedoch beäugen die Grabstätten kritisch: Sie fühlen sich zurückgedrängt und werfen israelischen Archäolog*innen vor, Silwan eine ausschließlich jüdische Identität verpassen zu wollen. Ein weiterer kleiner Mosaikstein im Konflikt um Jerusalem.

Uriel weist die Richtung und wir laufen ein kurzes Stück in Richtung Klagemauer. Kaum haben wir die Sicherheitskontrolle passiert, ist der Blick frei auf die heiligste Stätte des Judentums, ein Überrest der beiden zerstörten Jerusalemer Tempel. Wir sind zurückhaltend, doch Uriel ermuntert uns, näher an die Mauer zu treten und zu beobachten. Nach Geschlechtern getrennt, laufen wir weiter nach vorn – die Männer mit Kippot bekleidet an den größeren linken, die Frauen an den kleineren rechten Teil. Dazwischen steht ein dünner Holzzaun. Leise Gesänge und emotionale Gebete werden von den Gläubigen in wippenden Bewegungen vorgetragen, es herrscht eine ernste und doch entspannte Stimmung. In den Ritzen zwischen den Steinkadern der Mauer stecken so viele bunte Zettelchen mit persönlichen Wünschen und Gebeten, dass ein paar Mädchen schon seit einigen Minuten versuchen, auch ihre Botschaften unterzubringen. Als wir zu Uriel zurückkehren, erzählt er, dass die Gebetszettel nicht etwa weggeworfen werden – sondern in einem besonderen Grab auf dem Ölberg bestattet.

Ein paar Schritte von der Klagemauer entfernt liegt die Via Dolorosa. Die nach dem Leidensweg Jesu Christi benannte Straße führt uns an die Grabeskirche: Uriel zeigt uns eine rund 100 Jahre alte schwarz-weiß Fotografie desselben Vorplatzes, auf dem sich unsere Juso-Gruppe versammelt hat. „Fällt euch was auf?“, fragt der Stadtführer mit schelmischem Lächeln. Ja, tatsächlich – das Bild zeigt an der Fassade eine schlichte Leiter. Wir schauen auf das Original: Die Leiter steht auch im Dezember 2017 noch. Dahinter verbirgt sich eine seltsame Geschichte.

Sechs christliche Konfessionen -von Katholik*innen bis zu Äthiopisch-Orthodoxen- teilen sich das Gotteshaus an dem Ort, an dem sich laut Bibel Kreuzigung, Salbung und Auferstehung Jesu ereignet haben sollen. Weil diese Gemeinschaften seit Jahr und Tag im Clinch liegen, sprach Sultan Osman III. im Jahr 1757 (Jerusalem lag damals im Osmanischen Reich) ein Machtwort: Jeder Konfession würden künftig feste Gebetszeiten und Bereiche innerhalb der Kirche zugewiesen. Veränderungen werden seither ausschließlich dann vorgenommen, wenn sich alle einig sind. Und das kommt selten vor. So wissen die Gläubigen noch nicht einmal, seit wann die Leiter auf dem Sims der Fassade lehnt. Dennoch ist die Leiter-Frage ungelöst: Man ist sich bis dato uneins, ob und wer das Gerät wegräumen soll. Eine mittlerweile unbrauchbare Holzleiter, Symbol der Spaltung der Christenheit.

Wir treten den Rückweg an, außerhalb der Altstadt wartet das Falafel-Mittagessen. Auf einer niedrigen Steintreppe begegnet uns eine Prozession: Ein Gläubiger trägt ein großes Holzkreuz auf den Schultern, andere Christ*innen spielen Gitarre und stimmen Lieder an. Im Hintergrund ist der Felsendom zu erkennen, einige Ecken weiter befindet sich die Klagemauer. Drei Religionen auf engstem Raum: Es ist längst nicht immer einfach. Aber es ist Alltag in Jerusalem.

Der zweite Teil der Reise-Reportage folgt am Freitag. Ein Fazit der Fahrt schließt die Mini-Reihe am Sonntag ab.

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