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Israel-Delegationsreise: Ganz nah dran (Teil II)

„Fünfzehnmal Israel und zurück“, hieß es im vergangenen Dezember für eine Delegation der Jusos Baden-Württemberg: Eine Woche lang erkundete die Gruppe auf Einladung des Willy-Brandt-Centers das heilige Land – Diskussionen, Überraschungen und Abenteuer inklusive. Lara Herter (Kreisverband Zollernalb) gibt im zweiten Teil ihrer Reportage Einblick ins Reisetagebuch und schreibt über die politischen Hintergründe.

Treffen mit einer Kämpferin

Der Heizstrahler funktioniert nicht, doch die Kälte vergessen wir bald ohnehin. Niedrige, dicke Mauern umgeben die Terrasse des Willy-Brandt-Centers, wo wir den Tisch verrücken und Stühle umherschieben.

Das Willy-Brandt-Center ist ein bedeutsamer Ort, der von außen betrachtet gar nicht so aussieht. 1996 von sozialdemokratischen Jugendorganisationen aus Israel, Palästina und Deutschland gegründet, mietet der gleichnamige Verein wenige Jahre später ein Haus auf der sogenannten „green line“ – der Waffenstillstandslinie von 1948 zwischen Ost- und Westjerusalem. Schon bei der Auswahl der Immobilie beginnt die Vermittlungs- und Friedensarbeit zwischen den Partner*innen. Seither bietet das Center eine geschützte Atmosphäre, um Projekte und Workshops anzugehen: An diesem Ort kommen junge Menschen aus Israel, Palästina und der ganzen Welt zusammen.

Hier erwarten wir jetzt Laura Wharton, Jerusalmer Stadträtin und Mitglied der linken Meretz-Partei. Die Kommunalpolitikerin ist eine kleine Frau mit schwarzen Locken. Am Anfang unseres Gesprächs verschluckt sie sich mehrmals, die Diskussion stockt, doch nach kurzer Zeit werden ihre Erzählungen lebendiger – Laura Wharton hat einiges zu sagen.

Die gebürtige US-Amerikanerin wurde jüdisch erzogen, nach abgeschlossenem Studium zieht es die Politikwissenschaftlerin ins heilige Land. Sie engagiert sich und wird 2008 erstmalig in den Stadtrat gewählt. Im Gremium ist sie eine Exotin: weiblich, religiös gemäßigt, politisch links. Schnell findet die überzeugte Kommunalpolitikerin Projekte, für die sie brennt. Genauso rasch stößt sie an Grenzen. Ultraorthodox jüdische Männer gewinnen laut Laura insbesondere in Jerusalem an stetig mehr Macht, obwohl ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung mittlerweile sinkt. Der Stadtrat bildet da keine Ausnahme, was Laura bei jeder Sitzung aufs Neue herausfordert. „In einigen Ausschüssen sitzen nur Ultraorthodoxe. Und ich. Nicht immer vergnüglich, aber irgendwer muss es eben machen“, schmunzelt die Stadträtin.

Lauras Herzensthema: ÖPNV. Dieser steht am Sabbat nämlich still. Weder Busse noch S-Bahnen oder Züge fahren. Der religiöse Ruhetag wird in Jerusalem strikt eingehalten, strenger als in anderen israelischen Großstädten wie Tel Aviv. Darin sieht Lauras zunächst kein Problem, aber beim Öffentlichen Personenverkehr liegt die Sache anders. Finanziell schwächere Menschen, säkulare Jerusalemer*innen, Soldat*innen würden durch den am Sabbat brachliegenden ÖPNV „regelrecht in der Stadt eingesperrt“. Wer selbst über kein Auto verfügt und den Sabbat nicht zu Hause oder im näheren Umfeld verbringen möchte, muss entweder sehr früh aufbrechen – oder gar nicht. Für Laura Wharton nicht hinnehmbar, im Stadtrat beißt sie jedoch einmal wieder auf Granit. Deshalb ist die Meretz-Politikerin mit einigen Freund*innen selbst aktiv: In einer privaten und ehrenamtlichen Initiative organisiert sie Minibusse, die am Sabbat wenigstens einen kleinen Teil des ÖPNV ersetzen. Für dieses Engagement wird sie von Konservativen heftig kritisiert, doch mit offenen Anfeindungen hat die liberale Jüdin umzugehen gelernt.

Nach zwei Stunden verabschiedet sich die Stadträtin – am fortgeschrittenen Abend rufen Pflicht und Sitzungssaal.

Ein grauer Morgen

Der Regen prasselt unnachgiebig auf das Dach der Straßenbahnhaltestelle. Selbst nach einem kurzen Sprint sind unsere dicken Winterjacken vollkommen durchnässt. Es wirkt absurd, doch das Wetter scheint zu passen.

Die Internationale Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ist ein Ort, der mit Worten kaum zu beschreiben ist. Wir schauen uns im Eingangsbereich des zugehörigen Museums um. Eine Videoinstallation zeigt das Leben jüdischer Bevölkerung in Europa – zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Es ist der einzige Moment, der zumindest ein wenig Normalität durchblicken lässt. In die Ausstellungsräume führt ein Weg über rohen Betonboden in eine einzige Richtung. Nach unten.

Das Museum ist ein langgezogener Bau, dessen Wände wie ein Dreieck geformt zur Decke laufen. Mit jedem Schritt wächst ein ungewöhnlich beklemmendes Gefühl in uns.

„Yad Vashem“ heißt übersetzt „Denkmal und Name“. In der „Halle der Namen“ wird deutlich, weshalb: In dem kreisförmigen Saal erstreckt sich ein langer Kegel, wir neigen unsere Hälse nach oben und sehen dicht aneinander gereihte Porträts. Sie zeigen Jüd*innen jeden Alters, die im Holocaust aus dem Leben gerissen wurden. Wir alle haben die Geschichten im Ohr, die uns kurz zuvor noch eine Museumsmitarbeiterin schilderte: Von einem Lehrer in einem jüdischen Ghetto, der seinen Schüler*innen berichtete, die Klasse würde am nächsten Tag einen Ausflug unternehmen und jedes Kind solle sein Lieblingsspielzeug mitnehmen. Die Kinder freuten sich; der Lehrer wusste, dass sie nicht zurückkehren würden. Von einem Berliner Arzt, der seinen Sohn gerade noch bei einer Familie in England in Sicherheit bringen konnte, bevor er selbst nicht mehr am Krankenhaus tätig sein durfte und später nach Auschwitz deportiert wurde. Von zwei jungen Frauen, denen die Flucht aus einem Arbeitslager gelang, die jedoch nur Stunden darauf in einem Waldstück gestellt und erschossen wurden.

Entlang der Mauern der Halle sind Regale angebracht, auf denen dicke Ordner stehen. In ihnen sind die bislang bekannten Namen sowie biographische Daten der Opfer dokumentiert. Es ist der Versuch, den Ermordeten einen Funken Würde zurückzugeben – aus identitätslosen Nummern werden in der Erinnerung wieder Menschen. Manche Regale sind noch leer.

Als wir das Museum verlassen, stehen wir auf einer großen Terrasse mit atemberaubendem Blick über das moderne Jerusalem. Eines der zahllosen Symbole in Yad Vashem, wohl das eindrücklichste: Mit der Geschichte im Rücken schauen wir über das heilige Land nach vorn.

Wir waten durch den Regen und erreichen bald einen hellen Felsen. In das Gestein ist ein weiterer Raum der Erinnerung gebaut – das Denkmal für rund 1,5 Millionen im Rassenwahn der Nazis ermordete Kinder.

Im Inneren des Felsens begegnen uns sanft beleuchtete Fotos von vielleicht zwei-, dreijährigen Kleinkindern. In ihren Gesichtern liegt unbedarftes Lächeln oder sogar glückliches Lachen. Im angrenzenden Raum ist es stockdunkel. Einem Geländer folgend, erkennen wir nach wenigen Sekunden hunderte Sterne. Überall im Raum, oben, unten, rechts, links, spiegelt sich Kerzenlicht. Im Hintergrund spielt ein Tonband und eine tiefe, monotone Stimme liest die Namen minderjähriger Mordopfer vor. Würden wir alle Namen hören wollen, müssten wir etwa drei Monate in der Gedenkstätte bleiben.

Über unserer sonst lauten, witzelnden Gruppe liegt Schweigen.

Aus einem anderen Blickwinkel

Das Gebäude ist riesig, die Flure weit. An den Wänden hängen alte Plakate und Postkarten, keine*r von uns kann die hebräische Schrift entziffern, die Bilder verraten jedoch: Es geht um höhere Löhne, gute Krankenversicherung, die Rechte von Arbeitnehmer*innen. Logisch.

Die Histadrut ist nicht eine, sondern die Gewerkschaft Israels. Ihre Vergangenheit wirkt heute wie ein sozialistisches Experiment: Weit über typische Gewerkschaftsfelder tätig, ist sie über Jahrzehnte hinweg enorm einflussreich. Sie betreibt Senioren- und Erholungsheime, Kultur- und Medienzentren sowie die größte Krankenkasse des Landes. Durch die Verbindung von Gewerkschafts- und Krankenkassenmitgliedschaft sind zwischenzeitlich rund 70% aller erwachsenen Israelis in der Histadrut organisiert. Mitte der 1990er-Jahre kommt es dann zum großen Umbruch, wirtschaftliche Krisen hinterlassen ihre Spuren, in Israel erstarken wie in unzähligen anderen Staaten neoliberale Denkweisen. Gewerkschaftsunternehmen werden privatisiert, die Krankenkasse von der Histadrut getrennt. Es folgt ein schmerzhafter Mitglieds- und Machtverlust.

Trotz alledem ist die Histadrut bis heute eine bedeutsame Institution Israels. So bedeutsam, dass ihre über 500.000 Mitglieder ein eigenes Parlament wählen, welches wichtige sozial- und arbeitspolitische Entscheidungen beeinflusst – die schlussendlich die Gesamtbevölkerung betreffen.

In einem Seminarraum treffen wir Alon Marcus. Er übernimmt innerhalb der Histadrut eine Stelle, die deutsche Gewerkschaften als Jugendsekretär bezeichnen würden. Alon spricht leise, aber voller Offenheit zu Problemen, die uns wie Warnungen erscheinen: Die Wohnungssuche ist für israelische Arbeitnehmer*innen zur Qual geworden. Die Kosten explodieren geradezu, zwischen 2008 und 2013 verdoppeln sich die Kaufpreise für Wohnungen, die Mietpreise steigen im selben Zeitraum um 30%. Die Löhne erhöhen dagegen sich nicht einmal ansatzweise in diesem Tempo.

„Für unsere Generation ist es unglaublich schwer, sich etwas aufzubauen. Viele junge Menschen hoffen nicht einmal mehr auf bezahlbaren Wohnraum in Metropolen“, beklagt Alon und fügt hinzu, dass junge Familien oft jährlich in kleinere Wohnungen und andere Viertel oder gar Städte ziehen müssen, um die Mietkosten noch stemmen zu können.

Draußen entscheiden wir uns, nicht mit dem Bus zurück zu fahren, sondern einen Spaziergang zu machen. Auf den vielbefahrenen Straßen Tel Avivs herrscht mittelschweres Chaos, aber ganz beiläufig fällt außerdem eine positive Entwicklung auf: Mehrere tausend Elektroroller schlängeln sich durch die Staus, umgehen damit den dichten Autoverkehr und verringern die Emissionen der Großstadt. Cafés werben mit E-Ladestationen wie europäische Gaststätten mit WLAN – apropos: Wifi gibt’s sowieso fast überall, allein die Verwaltung Tel Avivs investierte in den vergangenen Jahren Millionenbeträge in den Ausbau des freien WLANs und ist dabei in Israel längst nicht allein.

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