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Leise rieselt das Geld…

Weihnachten: Das Fest der Liebe und das Fest des Konsums, die Zeit zur Besinnung und die Zeit der Ignoranz. Eine vorweihnachtliche Glosse von KONTRA-Redakteurin Vanessa Bossler (KV Emmendingen).

Die Tage sind kurz, die Nächte lang. Lichterketten verbreiten eine pseudo-idyllische Stimmung. Alle fragen sich, was sie an den Feiertagen essen werden, wem sie was schenken und welches Outfit es für Heiligabend sein darf.

Ich für meinen Teil versuche es mir jedes Jahr so einfach wie möglich zu machen. Zum Essen gehe ich zu meinen Eltern. Ich frage penetrant nach, wer sich was zu Weihnachten wünscht und wer „Du musst mir nichts schenken“ entgegnet, bekommt entweder einen Gutschein oder tatsächlich gar nichts und mein Outfit beschränkt sich dieses Jahr auf eine Jeans und meinen heißgeliebten „Christmarx“-Pulli.

So einfach, so gut. Aber wie schön wird das „Fest der Liebe“ wirklich werden?

Eigentlich ist es traurig, dass es nur ein paar Feiertage im Jahr gibt, in denen meine ganze Familie sich sieht. Aber Weihnachten ist nun einmal die einzige Zeit im Jahr, in der jede*r frei hat. Wenigstens ist es dieses eine Mal möglich zwei Tage miteinander zu verbringen, um danach festzustellen, dass es wieder für ein Jahr reicht. Denn erhöhte Erwartungen an ein besinnliches Weihnachtsfest neigen dazu, enttäuscht zu werden. Die friedlich-verschneite Stimmung gipfelt früher oder später nämlich in einem Streit, der es erstaunlicherweise schafft, jedes einzelne Familienmitglied zu integrieren.

Geschenke sind auch so eine Sache für sich. Zugegebenermaßen habe ich schon Geschenke auf Amazon bestellt – auch wenn ich mich bemühe, es bleiben zu lassen. Denn wir wissen: Amazon zahlt den miserablen Logistik-Tarif und beutet damit seine Arbeiter*innen aus. Trotzdem bestellen immer mehr Menschen im Internet. Schließlich ist es einfach und bequem. Hoch lebe der Kapitalismus!

Zum Glück bin ich moralisch unfehlbar, wenn ich mich aus meiner Wohnung bewege und Geschenke in Großketten wie Müller oder H&M kaufe. Nein, da stimmt etwas nicht…

Am besten ist es, wenn ich an kleinen Ständen auf dem Weihnachtsmarkt selbst gemachte Taschen und Schals kaufe. Wenn ich jedoch davorstehe und mich freue, etwas Gutes zu tun, stelle ich fest, dass ich erstens kein Geld habe, um die immens hohen Preise für kleine handbestickte Filzgeldbeutel mit grünem Libellenmuster zu bezahlen und zweitens ich sie einfach hässlich finde.

Natürlich könnte ich auch etwas basteln – wäre ich nicht so furchtbar unkreativ und hätte Zeit dafür. Am Ende läuft es wohl doch auf den Großkonzern hinaus. Dann freut sich wenigstens meine kleine Nichte auf ihr neues Memory. Und ein strahlendes Kinderlächeln erfreut doch jede noch so verbittert-sarkastische Seele an Heiligabend.

Als Sozialistin trage ich selbstverständlich meinen „Christmarx“-Pullover. Abgesehen von seinem amüsanten Nebeneffekt, die konservativen Mitglieder meiner Familie auf die Palme zu bringen, gibt er mir das Gefühl eine starke, kritische Frau zu sein, die das böse kapitalistische System verstanden hat. Ich denke mir: „Super, dass es Leute gibt, die solche coolen Pullis bedrucken, um darauf aufmerksam zu machen.“ Als neugierige Person schaue ich mir also den Zettel an, der am Nacken hängt, um herauszufinden, wo er denn hergestellt wurde, mein Lieblingspulli. Made in Bangladesh.

Natürlich denke ich jetzt trotzdem an das unschuldige Lächeln meiner Nichte und nicht an das Lachen der Kinder, die meinen Pullover genäht haben. Schließlich würde mir das die Feiertage versauen und Weihnachten ist doch das „Fest der Liebe“, an dem alle mit ihren Partner*innen (eine große Entschuldigung an alle chronisch-verzweifelten Singles) und ihren Familien zusammen sind. Und ich kann ja sowieso nichts tun, um den Kindern in Bangladesh zu helfen, außer einer ominösen Stiftung die Hälfte meines Weihnachtsgeldes zu überweisen.

Warum nur die Hälfte? Weil ich sonst als arme Studentin das Memory aus dem Müller nicht bezahlen kann.

Hoch lebe der Kapitalismus! Er schafft es, dass unsereins Heiligabend in verschwenderischem Reichtum verbringt und diese Tatsache nicht einmal verstehen kann. Während anderorts Kinder hungern und frieren. Doch es bleibt dabei. Was können wir tun? Und warum lesen wir uns schon wieder eine Möchtegern-Predigt einer Hobby-Moralapostelin durch?

Die traurige Wahrheit ist, dass wir tatsächlich kaum etwas tun können. Wir können die Proletarier aller Länder so oft zur Revolution auffordern, wie wir wollen. Sie wird nicht kommen. Warum? Weil wir zu egoistisch sind, unseren Wohlstand zu teilen. Weil unser System in einer perversen Spirale des Eigennutzes nach oben verläuft, ohne dass es uns auch nur ein bisschen kratzt.

So preiset den Kapitalismus! Esst Braten und trinkt Eierlikör bis zum Umfallen und vergesst, wer euren Pulli genäht hat. Vergesst, in welch ungerechten System ihr lebt. Denn solange wir auf der richtigen Seite des Systems stehen, kann uns niemand etwas anhaben.

 

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