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Mehr als eine Sommerloch-Debatte

Die Wehrpflicht im Rahmen eines allgemeinen Pflichtdienstjahres wiedereinführen? Robin Voss (KV Böblingen) findet das richtig. In seinem Beitrag erklärt er, warum.

Der Voss hat gut reden. Zwei Wochen vor meiner Musterung erhielt ich einen Brief des Kreiswehrersatzamtes, in dem stand, meine Musterung sei abgesagt. „Oh, what a bummer“, dachte mein 17-jähriges Ich und freute sich einen Schneekönig. Während mein Vater sich in den 60er Jahren noch vor Gericht erklären musste, warum er den Dienst an der Waffe verweigerte (und im Nachgang im Bund der Kriegsdienstverweigerer aktiv war), war ich einer der Ersten, die 2011 weder zur Bundeswehr noch zum Zivildienst mussten. Für mich war es eine Erlösung: Ich konnte sofort nach dem Abitur ins Studium starten, gab einen Tag vor meinem 22. Geburtstag die Bachelorthesis ab und konnte mit frischen 22 ins Berufsleben starten.

Mit der Zeit hat sich meine Begeisterung für diese politische Entscheidung massivst verändert. Aus mehreren Gründen.

1. Entschleunigt unsere Jugend!

Turbo-Abitur, sofort ins Studium, Bachelor, Berufsstart. Ich kam damit gut klar, aber es ist nicht Jedermanns Sache. Während sich meine Kollegen bis heute die Augen reiben und sich wundern, dass der Kollege noch so jung ist, kenne ich viele, die ihr Studium abgebrochen haben um sich neu zu orientieren. Im Nachhinein muss ich sagen, dass es besser gewesen wäre für mich, nach 13 Jahren Schule mal ein Jahr ein bisschen runterzukommen, mich zu sortieren, andere Einblicke außerhalb meines Milieus und der Schule zu sehen und mit neuer Kraft ins Studium zu starten. Den Karriereweg, den ich eingeschlagen habe, bereue ich keine Sekunde, aber für mich persönlich wäre es besser gewesen, wenn ich noch ein freies soziales Jahr oder einen freiwilligen Dienst bei der Bundeswehr gemacht hätte. Und aus eigener Erfahrung würde ich das daher jedem raten.

2. Dienst an der Allgemeinheit

Viele Menschen werden ihr Leben lang in abhängiger Beschäftigung tätig sein. Das kann schön sein, das kann erfüllend sein, aber es kann auch monoton werden. Einen anderen Einblick zu erhalten in Bereiche, in die man sonst keinen Einblick erhalten würde, sei es eine Verwaltung, eine soziale Einrichtung oder das Militär, kann nur fördernd, ja sogar bildend, sein. Und wenn ich mir anschaue, wie sich ältere Kollegen über die eigenen Erfahrungen bei Zivildienst oder Militär (seien es Manöver oder wie man den Krankenwagen über nächtliche Landstraßen geprügelt hat) austauschen, dann muss ich sagen, dass hier ein gesellschaftliches Gemeinschaftsgefühl wächst, was ich in meiner Generation so nicht kenne. Das sind die Momente, in denen ich es bedauere, nicht mitreden zu können.

3. Der Bürger in Uniform

Ich hätte große Freude daran, mit meinem Vater über dieses Thema zu diskutieren: Während er überzeugter Pazifist war bin ich Realist. Die Welt ist schlecht und solange die Welt schlecht ist werden wir ein Militär benötigen. Über die politische Notwendigkeit und strategische Ausrichtung der Bundeswehr möchte ich mich hier gar nicht äußern, Sicherheitspolitik ist nicht mein Steckenpferd. Was ich nur aus der Ferne beobachten kann ist, dass die Bundeswehr sich zur Zeit aus vier Gruppen rekrutiert: Menschen, die Waffen geil finden (Militaristen), Menschen, die Deutschland megageil finden und andere Länder nicht so sehr (umgangssprachlich darf man Nazis sagen), Menschen, die ökonomisch so abgehängt sind, dass sie für sich auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance sehen (Verzweifelte) und Menschen, die sich aus freien Stücken für unser Militär entscheiden (die Vernünftigen). Letztere Gruppe sehe ich durch den Entfall der Wehrpflicht als die kleinste Gruppe an, ansonsten würden wir uns nicht überlegen müssen, ob wir Menschen ohne deutschen Pass in die Bundeswehr holen möchten (mit dem Anreiz, dass sie den deutschen Pass erhalten).

Ich möchte keine Bundeswehr, die von Verzweifelten, Nazis oder Söldnern dominiert wird.

Ich möchte den Bürger in Uniform.

Bei einer Armee mit Wehrpflichtigen ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich Menschen aus der Mitte oder aus gehobeneren Millieus unserer Gesellschaft für die militärische Karriere oder zumindest für Reserve entscheiden erheblich höher, als das bei einer reinen Berufsarmee der Fall ist. Der Kontakt, auch wenn erzwungen, ist erheblich niederschwelliger. Manch einer wird sich während seines Wehrdienstes umentscheiden. Und mir ist das, ganz ehrlich gesprochen, sehr recht.

Das Thema Wehrpflicht ist hochemotional. Ich möchte nicht meinen, dass ich eine absolute Meinung zu diesem Thema habe. Ich verstehe den liberalen Ansatz der Jusos Deutschland, der Julis und der GJ, ich kenne aber auch JU-Mitglieder, die eine andere Meinung wie ich zu diesem Thema vertreten. Ich bin dennoch der Überzeugung, dass summa summarum es einen gesellschaftlichen Benefit von Wehrpflicht und Zivildienst gibt. Auch, dass Frauen daran teilhaben sollten, erachte ich als richtig, denn wie auch im Berufsleben profitieren wir alle von Diversität, sei es im Büro, der Werkhalle, in sozialen Einrichtungen und auch im Militär. Ich freu mich jetzt schon auf die Debatten.

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