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The days after Trump (Teil I): The land of the free and the home of the brave?

Der ehemalige KONTRA Redakteur Patrick Schilling schilderte letzte Woche direkt aus den USA seine Eindrücke vom US-Wahlkampf. Nach dem Wahlsieg des Rechtspopulisten Trump schreibt er nun im ersten Teil der KONTRA-Blitz-Reihe zum Ergebnis der US-Wahl seinen Erfahrungsbericht mit dem Versuche einer Bilanz fort.

Innerhalb nur einer vollgepackten, weitreichenden Nacht, wurde das Unvorstellbare zum Unumkehrbaren. Mit einer Schnelle, Härte und – zumindest zuletzt, schenkte man den Analysten, Meinungsumfragen und seinem eigenen Gefühl der Zuversicht auch nur den Hauch eines Glaubens – Unvorhersehbarkeit, die die Welt, allen voran die USA, in eine fundamentale Glaubenskrise, wenigstens aber in eine ökonomische, politische und soziale Unsicherheit, stürzen lassen dürfte.

Eigenartig. Irgendwie klingt diese Einleitung doch entfernt vertraut. Irgendwo habe ich das doch schon einmal gesehen. Irgendwann fühlte ich mich doch bereits zuvor so benommen beim Schreiben. In der Tat! Es sind beinahe die exakt selben Worte, die ich im Juni dieses Jahres für die Einleitung eines post-Brexit Artikels wählte.

Und heute sitze ich am Tag danach wieder vor meinem Laptop. Heute blicke ich wieder mit Ungläubigkeit auf das Geschehene zurück. Heute muss ich mich wieder überwinden, es auszusprechen: Ja, Donald Trump wird der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Ja, wieder wurde alle wahrgenommene Logik von Populismus geschlagen. Ja, wieder ein Schritt hin zu Nationalismus, Isolationismus und Antidemokratismus. Ja, wieder fällt es schwer, mit Zuversicht in die Zukunft zu blicken.

Die Wahlnacht in den USA war – gelinde gesagt – furchtbar. Mit jedem ausgezählten Staat stieg das Surreale der Situation. Ungläubigkeit vermischte sich mit Unausweichlichkeit und zog sämtliche Rezipienten wie an einem unsichtbaren Faden durch die schweren Stunden der Wahlnacht. So sehr man sich auch wünschte innezuhalten, so sehr tat die Dynamik ihr Übriges. Spätestens als sich North Carolina (wo ich doch selbst Zeuge von so viel Differenziertheit und Weltoffenheit werden durfte!) und Pennsylvania rot einfärbten, war klar, was geschehen wird. Als Hillary Clinton zur Concession rief, hatten Viele längst resigniert.

So wie in dieser Nacht hatte ich die (demokratischen) Amerikaner*innen noch nie zuvor erlebt. Dieses Land voller lebensfroher, mitteilsamer, kontinuierlich smalltalkender und (hier im besten Sinne zu verstehen) lauter Menschen verstummte. Blicke wanderten auf den Boden. Als ich um kurz vor Mitternacht einen amerikanischen Freund namens Zach anrief, brauchte es genau 5 Worte, um dem Horror Ausdruck zu verleihen. „Is it over?“ – „Yes. Over.“ Stille.

Wir könnten jetzt gemeinsam räsonieren, wie es dazu kam. Wir könnten evaluieren, was dieses Ergebnis über unsere Philosophie westlicher Werte aussagt. Wir könnten gemeinsam spekulieren, welche politischen Konsequenzen dieses Ergebnis für die USA, Europa und den Rest der Welt nach sich ziehen wird. Aber Vieles wurde bereits geschrieben. Vieles wird geschrieben werden. Die Feuilletonist*innen, Wirtschaftsanalyst*innen und Politikwissenschaftler*innen aller Länder werden dieses Ergebnis in einem ungewöhnlich langen Prozess aufzuarbeiten haben. Und, in Anbetracht des Geschehenen muss man sich eingestehen, wo Ratio transzendiert ist, wird man Manches schlichtweg abwarten müssen. Unvorhersehbarkeit und Unwissenheit werden zu integralen Bestandteilen unserer Realität. Gewöhnen wir uns besser daran.

Zwei Ding erscheinen mir aber als besonders wichtig. Erstens muss Präsident Trump jetzt zeigen, dass er Sprachrohr für alle Amerikaner*innen sein wird – auch und insbesondere für all diejenigen, die er in seinem Wahlkampf beleidigte. Frauen. Migrant*innen. Schwarze. Hispanics. Menschen mit Behinderung. Die Liste könnte noch weitergehen.

Sie zu einen wird für ihn eine Herkulesaufgabe. Aber wir alle sollten, die Realität akzeptierend, dass dieser Mann das mächtigste Land der Erde zumindest für 4 Jahre führen wird, hoffen, dass es ihm gelingt. Auch wenn Hillary mehr Wahlstimmen erhielt, müssen wir das demokratische System doch akzeptieren. Und weiter dafür einstehen.

So sehr man sich Trumps schnellen Misserfolg wünscht, so wenig vorteilhaft ist ein erfolgloser Präsident Trump. Aber er wird sich an die Regeln und Restriktionen des Präsidialamtes halten müssen – dafür werden die Demokraten, Bernie Sanders und die internationale Gemeinschaft sorgen.

Zweitens blicke ich besorgt auf Europa und die Bundestagswahl 2017. Nach dem Aussetzen der sozialen scheint nun auch die liberale Weltordnung am Abgrund angelangt zu sein. Die Gefahr, dass dieses Wahlergebnis Wind in den Segeln all derer ist, die auch Europa zu spalten versuchen, ist nun endgültig real. Die AfD als starke Kraft im deutschen Bundestag ist weitaus weniger abstrakt. Aber noch ist es nicht soweit.

Wenn dieser Wahlkampf eines gezeigt hat, dann, dass wir Politik wieder neu verstehen müssen. Einer der weniger besorgniserregenden Aspekte des eingeleiteten postfaktischen Zeitalters ist doch der folgende: Menschen kommen nicht länger zu politischen Veranstaltungen, um Redner*innen zu hören, die ihnen in umständlicher Sprache jüngste Statistiken vorbeten. Sie kommen nicht, um sich erklären zu lassen, was gerade passiert oder wie etwas gerade ist oder wie es schon immer war. Sie können all das doch längst googlen. Menschen das zu erzählen, was sie in ihren Hosentaschen bequem vom heimischen Sofa finden können, hat nur wenig Mehrwert. Hier müssen wir uns alle an die eigene Nase fassen und uns hinterfragen.

In diesen turbulenten und unsicheren Zeiten erwarten (verunsicherte) Menschen von Politiker*innen vor allem eins: Visionen. Wir müssen verstärkt skizzieren, wie wir in der Zukunft leben wollen. Wo uns die Digitalisierung hinführt. Was Artificial Intelligence für unsere Arbeitsplätze bedeutet. Ob und wie unsere Daten sicher sind. Wie wir neue klaffende Ungleichheiten überwinden können. Wie wir die internationale Gemeinschaft zusammenführen. Darauf brauchen wir Antworten.

Und wir brauchen eine neue sozialdemokratische Geschichte. Eine vom sozialen Aufstieg aller Gesellschaftsgruppen in einer zunehmend elitären Welt. Diese Geschichte steckt in Jedem und Jeder von uns. In Arbeiterkindern die als erste ihrer Familie studieren. In Homosexuellen, die sich nach dem Outing von ihren Freund*innen geschätzt und verstanden fühlten. In all jenen, die sich von Schikane nie davon abhalten ließen für ihre Überzeugungen einzutreten. Und in Menschen mit Behinderung, die sich entgegen aller Hürden nicht davon abhalten lassen, für eine offene Gesellschaft einzutreten.

Wir müssen die Geschichte nur explorativ hervorbringen und den Menschen präsentieren. Storytelling, wie Amerikaner*innen sagen würden. Emotional mitreißend und Hoffnung gebend, wie wir es verstehen müssen.

Die US Wahl ist bereits jetzt Geschichte. Es liegt an den Jusos und anderen Demokrat*innen, einen analogen Ausgang der Bundestagswahlen im nächsten Jahr zu verhindern. Und die Menschen in Anbetracht neuer Hoffnung zu einen.

In diesem Sinne der versuchten Einung möchte ich zum Abschluss dieser kurzen Einschätzung einen Helden vieler derjenigen zitieren, die in dieser Wahl für Trump stimmten. Ronald Reagan sagte eins sinngemäß, die amerikanische Hymne sei die einzige ihm bekannte, die mit einer Frage endete. “O, say does that Star-Spangled Banner yet wave, o’er the land of the free and the home of the brave?” Es liegt jetzt an den Amerikaner*innen selbst, diese Frage in den nächsten 4 Jahren zu beantworten.

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