Uns gebühren keine Studiengebühren!

Welche Herausforderungen begegnen jemanden der ein Zweitstudium benötigt, um eine andere berufliche Laufbahn einzuschlagen? Sind Studiengebühren für ein Zweitstudium überhaupt gerecht? Unter anderem auf diese Fragen findet Victoria Marciniak (KV Tübingen) in ihrem KONTRA-Beitrag Antworten bei Dominik. Einem 25-jährigen Studenten aus Tübingen, der Informatik als Zweitstudium absolviert.

Am 3. Mai 2017 beschloss die grün-schwarze Landesregierung Baden-Württembergs die Einführung von Studiengebühren für internationale Studierende aus Nicht-EU-Ländern (1.500 Euro/Semester) sowie für Zweitstudierende (650 Euro/Semester). Doch was ist mit Studierenden, die nicht politisch engagiert oder interessiert sind, an denen die Nachricht vorbeigegangen ist? Die ihr erstes Studium gewissenhaft beendet haben und nun schlechte Chance auf dem Arbeitsmarkt haben? Die ihren Bachelor in der Tasche haben, aber während des Studiums bemerkten, dass sie eine andere berufliche Laufbahn einschlagen möchten? Wieso werden Akademiker, die ihr Studium beenden mit Studiengebühren bestraft, während ein Studienabbrecher, der zum fünften Mal das Studienfach wechselt und kein Studium beendet, nur die Verwaltungskosten stemmt? Werden nicht händeringend hochqualifizierte Fachkräfte gesucht? Zum Beispiel nach jemandem wie Dominik.

Dominik gibt wortwörtlich alles für sein Informatik Studium: Schweiß, Tränen und ja, auch Blut. In der Blutspendezentrale in Tübingen kennen ihn die meisten MitarbeiterInnen bereits. Denn seit der Einführung der Studiengebühren im Wintersemester 2017/18 geht der 25-Jährige fast wöchentlich zur Blutplasmaspende, alle zwei Monate spendet er Blut – sooft, wie es eben möglich ist. „Ich will jetzt nicht sagen, dass ich das rein aus Geldgründen mache, sondern auch aus sozialem Engagement. Der finanzielle Anreiz ist auf jeden Fall da und es ist ein netter Nebenverdienst neben der Arbeit.“ Arbeiten allein reicht nämlich nicht mehr: Mit zwei Hiwi Jobs neben dem Studium kommt er auf eine 40 bis 50 Stunden Woche. „Da ich 3 Tage die Woche arbeite, muss ich alle Tutorien und Vorlesungen in 2 Tagen unterbringen, was teilweise bedeutet, dass ich von 8 bis 16 Uhr an der Uni bin. Das ist anstrengend.“

Einmal Blutplasma spenden bringt ihm 20 Euro. Geld, das der Student gut gebrauchen kann, denn Dominik hat zuerst BWL studiert. Informatik ist sein Zweitstudium, für das er pro Semester etwa 800 Euro Studiengebühren bezahlen muss. Diese setzen sich aus den beschlossenen 650 Euro Studiengebühren und den von der Universität Tübingen festgelegten 158,30 Euro Verwaltungsgebühren zusammen, die auch jeder während des Erststudiums bezahlen muss. Von den 800 Euro, die der Studierende pro Monat verdient, müssen 450 Euro Mietkosten bezahlt werden, 120 Euro müssen für die Studiengebühren beiseite gelegt werden – Sparen ist somit gar nicht erst möglich. Das Studium deswegen abbrechen? Daran denkt Dominik nicht: „Nein das wäre keine Option, einfach, weil es mir wichtig ist und weil es der Weg ist, den ich gehen will. Davor würde ich einen Kredit aufnehmen. Das versuche ich allerdings zu vermeiden.“

Mittlerweile ist der Informatik Student an der Steuerfreigrenze angekommen, ab der es nicht mehr rentabel wäre mehr zu verdienen. Der 25-Jährige bekommt weder Kindergeld noch ist er BAföG berechtigt. Stattdessen hat er Wohngeld beantragt, das ihm durch das Zweitstudium zusteht: 100 Euro pro Monat. „Der Staat nimmt mir auf der einen Seite das Geld weg, gibt es mir aber auf der anderen Seite wieder über das Wohngeld. Ich finde das ein bisschen unnötig, weil ich mich immer durch die Bürokratie des Wohngeldantrags kämpfen muss.

Dominik ist diesen trade off bewusst eingegangen und möchte das Studium und die Finanzierung aus eigener Kraft schaffen. Er selbst findet die Entscheidung der Landesregierung gar nicht so falsch: „Ich finde es toll, dass wir in Deutschland eigentlich freie Bildung haben und gerade Spezialfälle wie Zweitstudium oder nicht EU-Ausländer, dass sie Studiengebühren zahlen müssen, finde ich eigentlich okay – gerade im internationalen Vergleich. Da sind ja die Studiengebühren exorbitant. Ich finde die 600 Euro für Zweitstudenten noch tragbar. Was ich auf jeden Fall zu viel finde, sind die 1.500 Euro für die Nicht-EU Ausländer, weil 1500 Euro kann man allein nicht tragen, während des Studiums – das geht nicht…Dann ist man auf seine Eltern angewiesen, was man meiner Meinung nach nicht sein dürfte! Vor allem hat das zur Folge, dass nur gut betuchte Studierende aus dem Nicht-EU Ausland sich das Studieren in Deutschland leisten können.“

Es ist immer leicht sich mit den schlechteren Systemen zu vergleichen. Schlimmer geht immer. Ist es nicht unsere Aufgabe, eine Vorbildfunktion für andere Länder einzunehmen? Sollten wir nicht nach etwas Besserem streben? Jeder Mensch in Deutschland hat das Recht auf freie Bildung, ungeachtet der Rasse, der Hautfarbe, des Geschlechts, der Sprache, der Religion, der politischen oder sonstigen Anschauung, der nationalen oder sozialen Herkunft, des Vermögens, der Geburt oder des sonstigen Status (Artikel 2.2 IPwskR). Das soll nicht bedeuten, dass ausländische Studierende nur noch Deutschland kommen sollen, um kostenlos studieren zu dürfen und dann wieder in ihr Heimatland verschwinden sollen – so wie in der Vorstellung vieler Liberaler. Vielmehr kann der Staat doch einen Deal mit den Akademikern aushandeln: Ihr dürft hier kostenlos studieren, dafür verpflichtet ihr euch eine Zeit lang in Deutschland zu arbeiten und Steuern zu zahlen.

Dominik hat in seinem Zweitstudium das gefunden, was andere noch suchen. Er bereut sein BWL Studium nicht und würde sich wieder für seinen Weg entscheiden – trotz aller Strapazen. Sollte ihm doch irgendwann alles zu viel werden, bleibt immer noch der Umzug in ein Bundesland, in dem keine Studiengebühren erhoben werden. Die Studierenden, die ein Zweitstudium in Betracht ziehen, können das geplante Zweitstudium als Parallelstudium anmelden. Dann studieren sie ganz ohne zusätzliche Kosten weiter.