Vergelt’s Gott – Über das Verhältnis von Staat und Kirche – Teil 1

In einer kurzen Serie – bestehend aus drei Artikeln – beschäftigt sich Pavlos Wacker (KV Emmendingen) intensiv mit dem Verhältnis von Staat und Kirche. Den Auftakt bilden hierbei eine Einordnung und Einführung in das Thema.

„Ich bin ein Gegner der Religion. Sie lehrt uns damit zufrieden zu sein, dass wir die Welt nicht verstehen“ -Richard Dawkins

Über die Religion und andere Sünden

Religion ist ein heikles Thema. Sie umgibt uns, sie prägt unser Dasein, sie bestimmt wer und was wir sind und auch was wir sein dürfen. Religion ist überall und nirgendwo. Sie findet im Verborgenen genauso statt wie im Öffentlichen. Und dennoch, es ist ein schwieriges Thema. Wir reden einfach nicht gerne darüber. Religion ist in Deutschland Privatsache. Zu diesem Schluss könnte man zumindest kommen, wenn man sich die Zahlen ansieht. Über 33% der Deutschen bezeichnen sich selbst als konfessionslos, die Zahl der aktiven Kirchenmitglieder ist seit Jahren rückläufig und für die überwiegende Mehrheit der Jugendlichen (61%) spielt Gott weitestgehend keine Rolle mehr. Rosenkranz und Beichtstuhl im Abwärtstrend – so die Wissenschaft. Und dennoch, obwohl sich Religion kontinuierlich ins Private zurückzieht, tut sich Gesellschaft schwer mit einem offenen Diskurs über die Frage, wie viel Religion unser Staat verträgt.

Kruzifix und Shitstorm

Gelegentlich, wenn der Stellvertreter Jesu Christi durch die güldenen Hallen des Vatikans schlendert, kommt unser zölibatär lebender Dauer-Single auf die glorreiche Idee sich über Sex, Ehe und Familie zu äußern. Der Summus Pontifex Ecclesiae Universalis („oberster Brückenbauer der Weltkirche“) verspürt dann das tiefe Bedürfnis uns mitteilen zu müssen, dass homosexuelle Kinder seiner Meinung nach früh psychiatrisch behandelt werden könnten oder vergleicht auch gerne mal Abtreibungen mit den grauenhaften Praktiken der Nationalsozialsten. Das Entsetzen in den „sozialen“ Netzwerken war – zu Recht – groß, doch die hohe Politik schwieg. Kein Kommentar. Kaum Kritik. Es wäre ja prinzipiell nicht weiter tragisch, wenn irgendwo in Italien ein verwirrter alter Mann seinen menschenverachtenden Humbug von sich geben würde, jedoch hat dieser Schwachsinn unmittelbare Auswirkungen auf die Lebensrealität vieler Menschen in Deutschland.

Der Vatikan in unserer Mitte

Dann nämlich, wenn ein homosexueller Erzieher gefeuert wird, weil er das Pech hat in einem der vielen katholischen Kindergärten in diesem Land zu seiner Sexualität zu stehen oder, wenn eine vergewaltigte junge Frau an einer Klinik in kirchlicher Trägerschaft abgewiesen wird, dann nämlich wird erst sichtbar, wie sehr Kirche unsere Lebenswelt durchdringt. Umso mehr hätte ich mir gewünscht, dass irgendein Spitzenpolitiker hierzu Stellung bezieht. Irgendeine Pressemitteilung darüber, dass wir auf der Grundlage unseres Grundgesetzes solche Aussagen auf das tiefste verurteilen. Ich hätte mir gewünscht, dass irgendjemand in diesem Land den Opfern von religiöser Diskriminierung gesagt hätte: Macht euch keine Sorgen, wir stehen als Staat hinter euch! Doch Politiker*innen verbrennen sich ungern die Finger am Thema Religion.

Glauben und Kirche

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal ganz klar betonen, dass sich meine Kritik in keiner Weise gegen Glauben oder Religion als solche richtet. Jeder hat in diesem Land das Recht, an wen oder was auch immer zu glauben. Ein Grundrecht, welches in einem sehr langen und sehr schmerzlichen Kampf gegen die Kirchen erkämpft werden musste. Ich möchte auch nicht weiter darauf rumreiten, dass es erkenntnistheoretisch vollkommen widersinnig ist, nur deswegen an etwas zu glauben, weil ich das Gegenteil nicht beweisen kann. Auch möchte ich keine Debatte über die Theodizee aufmachen, auch wenn mir bisher nicht einmal der gelenkigste Gummitheologe erklären konnte, wie Gott Gut und Böse gleichzeitig sein kann. Diese Fragen lassen sich schlecht diskutieren, weil sie nicht rational durchdrungen werden können. Ich möchte daher nicht, dass wir in ewigen Diskussionen über Glauben und Religion verfallen, ich fordere lediglich eine breite gesellschaftliche Debatte darüber, inwiefern Religion etwas mit dem Staat zu tun haben sollte.