Vergelt’s Gott – Über das Verhältnis von Staat und Kirche – Teil 3

In einer kurzen Serie – bestehend aus drei Artikeln – beschäftigt sich Pavlos Wacker (KV Emmendingen) intensiv mit dem Verhältnis von Staat und Kirche. Der Schluss bietet ein weiterführendes Denkangebot zum Thema „Religion im Klassenzimmer“, gefolgt von einer abschließenden Betrachtung.

„Ich bin ein Gegner der Religion. Sie lehrt uns damit zufrieden zu sein, dass wir die Welt nicht verstehen“ -Richard Dawkins

Das Klassenzimmer ist kein Beichtstuhl

Doch der gesellschaftliche Diskurs darf sich nicht nur auf Kosten und Zahlen beschränken. Die Frage ist doch viel tiefgreifender. Ein Paradebeispiel ist hier für mich der staatliche verordnete Religionsunterricht. Religion als „Unterrichtsfach“ hat in Deutschland Verfassungsrang und ist in den meisten Ländern versetzungsrelevant. Kann ich Glauben überhaupt benoten? Weshalb entscheiden Religionsgemeinschaften, was unsere Kinder an staatlichen Schulen über Werte und Moral lernen dürfen? Und welche Legitimation hat ein Unterricht, der größtenteils von den Vorgaben eines undemokratischen und absolutistischen Staates wie dem Vatikan abhängig ist?

Hierzu ein kurzes Gedankenexperiment: Angenommen der Gemeinschaftskundeunterricht würde in Deutschland nicht von studierten Politologen durchgeführt werden, sondern von SPD-Lehrern, Grünen-Lehrern, FDP-Lehrern etc., die bereits an Lehrstühlen ausgebildet wurden, die von Parteien besetzt würden. Freiheit der Wissenschaft? Hier fehl am Platz. Es gäbe auch keinen Gemeinschafts-, sondern beispielsweise einen Sozialdemokratieunterricht – je nach Wahl der Eltern. Die Lehrinhalte würden auch nicht von staatlichen Einrichtungen vorgegeben, sondern vom Willy-Brandt-Haus oder der Schaltzentrale der Freien Demokraten. Ab der 1. Klasse hätten die Kinder somit die volle Dröhnung Sozialstaat, Ökologie oder Konservatismus. Finanzieren würden das natürlich alles wir, die Steuerzahler. Die Kontrolle jedoch würden wir abgeben, mit dem vorgeschobenen Argument, dass der Staat ja bekanntlich „neutral“ sein muss.

Na? Irritiert? Zu Recht würden die Pädagoginnen und Pädagogen aufschrecken und vollkommen entsetzt rebellieren. Kinder würden ja somit durchweg indoktriniert werden. Sie wären den Lehrinhalten schutzlos ausgeliefert, zumal ja die Parteien den Lehrkräften auch die Lehrbefugnis erteilen und sie diese bei Abtrünnigkeit sofort entziehen könnten. Während uns dieses Szenario im Politikunterricht befremdlich anmutet, findet dies genauso beim Religionsunterricht statt. Versuche Religion durch einen staatlich neutralen Ethikunterricht zu ersetzen, sind leider meist an den jeweils regierenden Parteien gescheitert. Häufig mit dem absurden Argument, man würde dadurch jegliche Einflussnahme verlieren und Religionsunterricht würde fortan nur noch auf Hinterhöfen stattfinden. Dieses Argument ist mehr als unlogisch, zumal wir ja dann einerseits konsequenterweise alles in der Schule unterrichten müssten, was in irgendeiner Weise dazu geeignet wäre missbraucht zu werden und andererseits das deutsche Rechtssystem auch auf Hinterhöfen greifen sollte.

Schule sollte ein Raum sein, in welchem Kinder sich frei von Fundamentalismus und aufgezwungenen Ideologien entwickeln können. Kinder sollten lernen, dass es verschiedene Formen von Gemeinschaft gibt. Sie sollten erfahren können, dass Pluralität und Vielfalt unsere Gesellschaft auszeichnen und stark machen. Sie sollten dazu befähigt werden, alles immer wieder kritisch zu hinterfragen und nicht dazu erzogen werden, Dinge blauäugig hinzunehmen. Schule sollte ein Raum der Erkenntnis und definitiv nicht das Bekenntnis sein. Genau deshalb ist es goldrichtig, dass alle Kinder am Schwimmunterricht teilnehmen und Lehrer sich an das Neutralitätsgebot halten müssen. In der Schule sollen Kinder und Jugendliche verschieden Formen des Zusammenlebens erfahren, um dann irgendwann selbstbestimmt zu entscheiden, wie sie lieben, leben und sein wollen.

Lasst uns streiten

Es gibt noch viel zu diskutieren. Jedoch sollten wir endlich damit anfangen. Hören wir doch auf religiöse Bevorzugung weiterhin einfach als gegeben hinzunehmen. Lasst uns unsere Stimme erheben, wenn mal wieder ein alter weißer Mann unter der Berufung auf Religionsfreiheit menschenverachtenden Müll von sich gibt. Lasst uns als Gesellschaft aufzeigen, dass in diesem Land jeder zwar glauben darf, an wen oder was er will, dies aber mit dem Respekt gegenüber anderen tun muss und Religionsfreiheit eben kein Freifahrtschein für Menschenhass ist.

Wir brauchen endlich einen Diskurs darüber, wie wir uns die Gesellschaft und den Staat von Übermorgen vorstellen und ob Religion im Staat überhaupt noch etwas verloren hat. Die Franzosen machen es vor, die Brasilianer haben schon längst nachgezogen. Japan, Korea Mexiko, Portugal – der Laizismus ist real und er ist umsetzbar. Lasst uns den Versuch unternehmen, den Entwurf eines Staates zu zeichnen, in dem Männer andere Männer lieben dürfen, ohne dafür gefeuert zu werden. Einen Staat, in welchem jede Frau selbstbestimmt über ihren eigenen Körper entscheiden darf. Einen Staat, in dem leidende Menschen selber entscheiden dürfen, wann sie ihrem Leben ein Ende setzen möchten. Einen Staat, in dem unsere Kinder sich zu freien und kritisch denkenden Menschen entwickeln können, ohne bevormundet zu werden. Lasst uns an Schulen und Kitas denken, in welchen Kinder keine Angst davor haben müssen, einen Fehler zu machen, weil sie sonst in die Hölle kommen. Lasst uns an Krankenhäuser denken, die allen Menschen Zuflucht Gewehren, auch denen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben. Lasst und an eine Gesellschaft denken, in denen junge Menschen ein positives Bild von Sexualität entwickeln. Eine Gesellschaft, in der Selbstbestimmung weitaus mehr ist, als die Liebe zu einem imaginären Wesen. Lasst uns an das Heute denken und das Jetzt gestalten, anstatt auf ein höheres Wesen zu warten oder uns einer gottgefälligen Moral hinzugeben. Um es mit Philipp Möllers Worten zu beschreiben: Diesseits statt Jenseits. Heidenspaß statt Höllenqual.

Die Debatte wird nicht immer einfach werden. Man muss mit viel Gegenwind rechnen. Doch ich bin davon überzeugt, dass wir das hinbekommen. Zumindest der Debatte und dem Diskurs müssen wir uns stellen. Denn: »Wer das Atom spalten kann und über Satelliten kommuniziert, muss die hierfür erforderliche intellektuelle und emotionale Reife besitzen. Diese zeichnet sich u. a. dadurch aus, dass man in der Lage ist, falsche Ideen sterben zu lassen, bevor Menschen für falsche Ideen sterben müssen.«