Nachtclub

Was ist eigentlich so schlimm an Feminismus?

Anhand der Aktion „Ist Luisa hier“ setzt sich KONTRA-Redakteurin Vanessa Bossler (KV Emmendingen) mit den Klassikern des Antifeminismus auseinander und fragt: warum löst der Feminismus an sich immer noch teils heftige Abwehrreaktionen hervor?

Die Lichter funkeln, der Bass dröhnt und die Schuhe kleben am Boden. Überall Menschen, dicht aneinandergedrängt. Sie feiern, trinken und haben Spaß. Irgendwo in Sichtweite stehen zwei Menschen, die sich gegenseitig die Zunge in den Hals stecken. Als gute*r Freund*in einer dieser Personen würde ich ein ernst gemeintes High-Five vergeben. Warum nicht? Schließlich ist man jung und hat Spaß.

Wenn sich jedoch plötzlich aus dem Gedränge auf der Tanzfläche eine Person herauslöst, zur Theke geht und den Mitarbeiter*innen hinter der Theke zuruft: „Ist Luisa hier?“ ist der Spaß vorbei.

Seit einiger Zeit läuft in mehreren Großstädten das bundesweite Projekt „Ist Luisa hier?“. Unter anderem in Stuttgart, Freiburg, Mannheim und Heidelberg hat sich das Codewort etabliert. Dabei ist das Prinzip sehr simpel. Der Satz ist ein Ausweg aus jeder Situation, die einer Person unangenehm ist. Unangemessener Körperkontakt, Anmachsprüche oder Ähnliches. Wer sich in einem Club, der am Projekt teilnimmt, mit „Ist Luisa hier?“ ans Thekenpersonal wendet, soll dann aus der Situation herausgebracht werden. Dabei geht es nicht darum sofort die Polizei zu rufen, sondern lediglich um eine Rückzugsmöglichkeit der betroffenen Person. Wie dann weiter vorgegangen wird, ist offen. In dem meisten Fällen wird es vermutlich schon ausreichen, der*dem Betroffenen ein Telefon zu geben, sodass er*sie abgeholt werden kann.

Wer kennt diese Sätze nicht?

Mit „Ist Luisa hier?“ ist ein neues Projekt ins Leben getreten, das – ähnlich wie Frauentaxis und das Heimwegtelefon – Scharen von wütenden Antifeminst*innen mit Fackeln und Mistgabeln anzieht. Dabei kommen wie immer die gleichen Argumente.

„Das Ganze wird doch bloß zur Hetzjagd auf Männer instrumentalisiert!“ – Stimmt nicht. Wie bereits ausgeführt, dient der Satz lediglich dazu, die betroffene Person aus der Situation, die ihr Unwohlsein bereitet, zu entfernen. Niemand spricht davon Männer aus dem Club zu werfen und zu verhaften. Ob dies dann im Nachhinein passiert, liegt in der Hand der*des Clubbetreiber*in – so wie bisher übrigens auch.

„Es werden also nur die Gefühle der Frau berücksichtigt? Egal, was wirklich geschehen ist?“ – Ja. Und das ist auch gut so. Wer bestimmt denn, was wirklich sexuelle Belästigung war und was nicht? Ist es wirklich von Relevanz, wie andere Personen eine solche Situation einschätzen? Es geht hier nicht um einen Richtspruch. Es geht nur darum, einer betroffenen Person Rückzugsmöglichkeit zu geben. Wer sich anmaßt, einem fremden Menschen vorzuschreiben, wann er sich unwohl und wann nicht zu fühlen hat, sollte dringend lernen über den eigenen Gedankenhorizont hinauszublicken und sich zu fragen, ob die eigene Wahrnehmung wirklich die einzig wahre ist.

„Warum kann die Frau sich denn nicht selbst gegen den Kerl wehren?“ – Ich beglückwünsche hiermit jeden Menschen, der in einer Situation der sexuellen Belästigung den Mut hat, sich laut dagegen zur Wehr zu setzen. Leider traut sich das nicht jede*r und dass muss auch nicht so sein. Wie bei so vielen anderen Dingen, ist „Ist Luisa hier?“ lediglich ein Angebot. Niemand ist gezwungen dieses anzunehmen.

„Was ist, wenn ich mich als Mann belästigt fühle? Frage ich dann auch nach Luisa?“ – Für alle, die die Frage ernst meinen: ja, warum denn nicht? Gleiches Prinzip. Das Thekenpersonal wird wohl keinem Mann die Hilfe verwehren, weil er keine Frau ist. Für alle, die sich mal wieder wahnsinnig witzig finden: gezielte Provokation auf Kosten von Opfern sexueller Belästigung? Was haben wir gelacht!

„Feminismus“ als rotes Tuch – warum?

Jedes Mal, wenn ich den Fehler begehe, unter einem Facebook-Beitrag zu einem feministischen Thema die Kommentarleiste zu öffnen, frage ich mich das Gleiche. Was ist eigentlich so schlimm an Feminismus? Was hat diese Bewegung, dieses Thema oder wie auch immer man es nennen mag, an sich, dass sich so viele Menschen ans Bein gepisst fühlen?

Es ist ein bemerkenswertes Phänomen unbegründeter humaner Angst. Es muss nicht einmal die Angst davor sein, Frauen könnten das andere Geschlecht unterdrücken (nachdem Männer dies die letzten Jahrtausende hervorragend praktiziert haben). Manchmal reicht schon die Angst vor Kulturverlust. Denn die „christlich-abendländische Hochkultur Deutschland“ zeigt sich nicht nur in Abgrenzung vom Islam, sondern auch in den kleinen Dingen im Leben. Dies zeigt zum Beispiel die weit verbreitete Furcht vor dem „Verlust der deutschen Sprache“ durch genderneutrale Formulierungen. Wer könnte auch wollen, dass eine Sprache, die sich durch Worte wie Geschwindigkeitskonstanthalterhebel oder Kraftfahrzeughaftpflichtversicherung auszeichnet, sich verändert?

Die menschliche Natur hasst Veränderungen. Egal, ob sie sinnvoll sind oder ob sie unaufhaltsam sind, es wird immer Menschen geben, die sich gegen Veränderung sträuben. Denn das ist der Kern des Feminismus: eine nachhaltige Veränderung der Gesellschaft hin zum Positiven. Keine Mission, um Frauen an die Macht zu bringen und Männer zu unterdrücken. Sondern eine Entwicklung, die dafür sorgt, dass die Gleichstellung von Mann und Frau auch im Unterbewusstsein der Menschen ankommt.

Das größte Problem des Feminismus ist sein Ruf. Doch nur weil der männerhassende und gewalttätige Feminismus manchmal lauter und auffälliger ist als der friedliche und auf Gleichstellung ausgelegte, heißt es nicht, dass er der einzige ist. Der Feminismus, den wir als Jungsozialist*innen vertreten, will helfen. Unter seinem Namen werden tagtäglich Konzepte entwickelt, die Frauen helfen sollen, gegen Ungerechtigkeit vorzugehen – ob das nun Lohnungleichheit, Diskriminierung oder sexuelle Belästigung ist. Genau das tut auch „Wer ist Luisa?“.

Also frage ich erneut: was ist falsch an einem Konzept, das helfen will? Dass manchen hilft, aber niemandem schadet?

Es wird jedoch weiterhin Menschen geben, die versuchen werden, das Projekt zu sabotieren. Sie haben Angst vor Veränderung und scheuen sich gegen den negativ belasteten Begriff des Feminismus. Dabei ist ihnen egal, ob „Ist Luisa hier?“ eine gute Sache ist. Sie werden es aus Prinzip ablehnen.

 

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