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Weg mit dem Brecheisen, her mit „Spider-Man“!

Stefan Gretzinger hatte sich bereits öfters mit Jeremy Corbyn beschäftigt. Sein neuer Gastbeitrag kritisiert den Zustand der britischen Labour-Party.

In aktuellen Umfragen liegt die sozialdemokratische Labour Party 16 Prozent hinter den Konservativen. 27 Prozent zu 43. Im Gegensatz zu unserem deutschen Wahlsystem handelt es sich im Vereinigten Königreich um ein striktes Mehrheitswahlrecht. Das bedeutet: Der Kandidat, der die meisten Stimmen in seinem Wahlbezirk bekommt, ist gewählt. Der relative Stimmenanteil ist also irrelevant – als hätte man bei unserer Bundestagswahl nur die Erststimme. Das bedeutet: Der landesweite 16 Prozent-Rückstand könnte am Ende des Tags deutlich gravierendere Konsequenzen haben. Ende September – da lag Labour noch bei 30 Prozent – hat einer der renommiertesten britischen Wahlforscher, John Curtice, Labour das schlechteste Abschneiden seit 1935 prognostiziert.

Wie konnte es so weit kommen? Hat der konservative Premierminister Cameron nicht die europäische Zukunft des Königreichs verpokert? Und Theresa May, Camerons Nachfolgerin: Übernimmt sie nicht eine tief zerrüttete Partei? Warum also sehnen sich die Leute nicht endlich nach einer Labour-Regierung?

Der Grund ist Jeremy Corbyn.

Er sorgt dafür, dass Labour nicht geschlossen gegen die Konservativen opponieren kann, sondern sich stattdessen mit sich selbst beschäftigen muss.

Bestes Beispiel dafür: John McDonnell. McDonnell ist der Labour-Abgeordnete, der am öftesten gegen die eigene Partei gestimmt hat – sogar öfters als Corbyn. McDonnell gilt als enger Verbündeter Corbyns. Doch viele seiner radikalen Äußerungen machen ihn für große Teile der Labour Party unannehmbar. Einmal fand er, die IRA – eine terroristische paramilitärische Organisation – gehöre für ihren bewaffneten Kampf geehrt. Ein anderes Mal wünschte er sich – wortwörtlich – „ein Attentat auf Margret Thatcher“. Nun liegen diese Äußerungen wahrlich schon weit zurück und doch können solche Bemerkungen noch immer eine Partei spalten. Und ausgerechnet diese Person beruft der Parteivorsitzende in sein Schattenkabinett als Schatzkanzler. Das ist die wichtigste Position, die er vergeben konnte.

Natürlich braucht ein Parteivorsitzender eine Person seines Vertrauens für dieses Amt. Doch das entbindet ihn nicht von der Verantwortung der Partei gegenüber. Rücksichtsloses Durchregieren, das geht im Absolutismus. Der Vorsitzende einer sozialdemokratischen Partei hat auf den Zusammenhalt und innerverbandliche Integration zu schauen. Wie hat schon Peter Parkers Onkel gesagt: „Aus großer Kraft folgt große Verantwortung.“

Der Brecheisen-Führungsstil hatte verheerende Konsequenzen: Die Partei sah sich gezwungen, sich nur noch mit sich selbst zu beschäftigen. Der Vorsitzende hatte sie in Grabenkämpfe geführt – die Berufung McDonnells ist nur ein Beleg dafür.

Seit dem Amtsantritt des Parteivorsitzenden scheint Schubladendenken zu herrschen. Kritiker von Corbyn werden als „Demokratiefeinde“ bezeichnet oder einfach als „Blairisten“. Diesem Schubladendenken folgt der Hass der Corbyn’schen Unterstützer, dem sich der Parteivorsitzende nicht entschieden genug entgegenstellt. Darüber habe ich bereits unter „Corbyns Gretchenfrage“ gebloggt.

Jeremy Corbyn ist damit verantwortlich für das Unverantwortbare: Er treibt die Spaltung der britischen Sozialdemokratie voran. Warum nicht alles daransetzen, dass Labour aus der nächsten Unterhauswahl als stärkste Partei hervorgeht? Die Zeit der Selbstbeschäftigung und Grabenkämpfe muss endlich vorbei sei. Aus großer Kraft folgt große Verantwortung. Deshalb: Weg mit dem Brecheisen, her mit „Spider-Man“!

 

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