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„Wie sieht eigentlich der Arbeitsalltag einer Jugendgemeinderätin aus?“

Die Tübinger Jugendgemeinderätin Jessy Karrer im Gespräch mit dem KONTRA-Blog. Jessy ist 19 und Schülerin an einem sozialwissenschaftlichen Gymnasium in Tübingen. Seit 2012 sitzt sie im Jugendgemeinderat, in dessen Vorstand sie tätig ist.

Mal zum Einstieg: Wie haben wir uns einen Arbeitstag einer Tübinger Jugendgemeinderätin vorzustellen? Was stand in der letzten Sitzung auf der Agenda?

Witzig, dass du fragst. Ich komme gerade von der Vorstandssitzung des Jugendgemeinderates, auf der haben wir die Planung der Tagesordnung für die kommende Sitzung erledigt und uns Termine, die für uns relevant sind zusammengesucht. Die letzte richtige Sitzung des JGR war die konstituierende Sitzung nach den Wahlen im Dezember. Wir haben im Rathaus getagt und den Oberbürgermeister, die Erste Bürgermeisterin, den Baubürgermeister und Vertreter der Gemeinderatsfraktionen zu Gast.

Da wurde von der kommunalpolitischen Prominenz ja ganz schön aufgefahren. Ist das ein Zeichen dafür, dass in Tübingen der Jugendgemeinderat besonders anerkannt ist?

Über meine Arbeit beim Dachverband der Jugendgemeinderäte habe ich einige andere Jugendgemeinderäte in anderen Städten des Landes kennengelernt, und dabei gemerkt, dass wir in Tübingen schon ziemlich ernst genommen und beteiligt werden. Da geht zwar natürlich noch mehr, in Reutlingen leitet zum Beispiel die Oberbürgermeisterin jede Sitzung des dortigen Rates. Aber ich finde das bei uns eigentlich ganz gut. So bewahren wir uns unsere Unabhängigkeit. Und wenn wir mit einem Kommunalpolitiker reden wollen, dann laden wir eben zu uns ein.

Und wenn ihr einladet, dann kommen die Politiker auch?

Eigentlich schon. Klar gibt es manche Leute und Fraktionen, wo man mit uns mit mehr Bereitschaft zusammenarbeitet, aber im Großen und Ganzen läuft das. Außerdem werden wir ja von der Stadt zu den Ausschüssen und Komitees eingeladen und können dort auch zu so ziemlich allem Stellung beziehen.

Komitees, Ausschüsse, Oberbürgermeister. Das klingt jetzt nicht nach dem typischen Alltag junger Menschen. Warum eigentlich Jugendgemeinderat und nicht Sportverein oder etwas anderes?

Ich bin über meine Arbeit für die SMV zum JGR gekommen. Ich war Schülersprecherin, als sich Jugendgemeinderat an meiner Schule vorgestellt hat. Mein ältester Bruder war mal im JGR und hat mich ermutigt das mal auszuprobieren. Also hab ich mich mal in eine Sitzung gesetzt und bin dabei geblieben.

Passiert das häufiger, dass sich junge Leute einfach in eure Sitzungen reinsetzen?

Es kommt schon vor, dass sich Schulklassen mal in eine Sitzung setzen. Oder Leute hören von Projekte, die wir auf die Beine stellen, und wollen mitmachen. Oder Freunde von Mitgliedern im JGR, die über die Wahlkampagne reingekommen sind. Und klar Projekte wie der Southside Battle wären ohne Freiwillige auch kaum zu machen.

Der Landtag hat die Gemeindeordnung reformiert und dabei auch die Rechte von Jugendlichen gestärkt. Was denkst du wird die größte Änderung sein?

Boris Palmer hat uns das in der konstituierenden Sitzung auch schon angekündigt, dass wir jetzt deutlich präsenter werden. Ich hoffe die Reform sorgt für mehr Jugendgemeinderäte oder ähnliches in Baden-Württemberg. Allerdings muss man auch sagen, dass die Reform in den Medien zu wenig thematisiert wurde, was ich schade finde. Jugendliche müssen von ihren Rechten wissen, sonst bringt die Gesetzesänderung wenig.

Denkst du, dass eure Arbeit mit der neuen Gemeindeordnung politischer werden wird?

Bislang hat der JGR in Tübingen eher projektbezogen gearbeitet. Das wird sich definitiv ändern., was aber auch an den neuen Mitgliedern hier in Tübingen liegt. Wir wollen mehr Diskussionsveranstaltungen z.B. zur Landtagswahl machen und in den Medien präsenter werden.

Ist der JGR für so eine Form von Politik das richtige Forum? Wäre nicht eine NGO oder eine Parteijugendorganisation nicht vielleicht besser geeignet?

Das glaube ich nicht. Der JGR ist als eher neutrales Gremium auch für Jugendliche, die Parteiarbeit nicht attraktiv finden, ein guter Ort um Politik zu machen.

Apropos Politik machen. Du bist jetzt in Tübingen schon eine Weile dabei. Was für positive Veränderungen hast du in dieser Zeit bewirken oder miterleben können?

Ein ganz großer Erfolg war für uns das neue Jugendcafé, das bald kommen wird. Aber auch das RACT oder andere Festivals konnten wir mitgestalten und den JGR so präsenter machen. Da bin ich schon stolz drauf.

In Tübingen sucht der JGR die Kooperation mit den politischen Jugendorganisationen der Parteien. Wie findest du das? Es gibt sicherlich Leute, die finden, dass das getrennte Sphären sein sollten, oder?

Das ist total wichtig, dass wir mit den Jugendorganisationen in Kontakt kommen. Die machen ja auch Politik und es ist spannend deren Blickwinkel und Arbeitsweise kennenzulernen. Wir organisieren jetzt z.B. ein Speed-Dating zur Landtagswahl, bei dem Vertreter der Parteien ihre Positionen vorstellen können.

Jetzt ist das definitiv deine letzte Amtsperiode im JGR Tübingen. Was kommt danach? Wäre ein Platz im „richtigen“ Gemeinderat was für dich?

Ich kann mir schon vorstellen mal was mit Politik zu machen und will auch Politikwissenschaft studieren. Aber nach dem Abi will ich erstmal was Neues sehen und ein bisschen aus Tübingen rauskommen.

Was brauchen Jugendgemeinderäte in Baden-Württemberg, damit sie noch besser und in der Fläche die Stimme der Jugendlichen vor Ort sein können?

Na ja, ich finde schon, dass Jugendliche noch stärker miteinbezogen und vor allem in der Fläche auch ernst genommen werden. Die wenigsten Erwachsenen sehen, dass wir das alle ehrenamtlich machen und nehmen da auch wenig Rücksicht. Und in Baden-Württemberg geht es zwar ganz gut mit den Jugendgemeinderäten, aber in anderen Bundesländern ist da noch Luft nach oben.

Das Gespräch führte Florian Burkhardt.