Frauen fahren Auto – Ist „der“ Feminismus am Golf angekommen?
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Frauen fahren Auto – Ist „der“ Feminismus am Golf angekommen?

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  • Beitrags-Kategorie:Allgemein

Kontra 2020 

Von Hannah-Lea Braun  KV Böblingen

Wir Jusos bezeichnen uns selbst nicht nur als internationalistisch, sondern auch feministisch. Wir demonstrieren am Weltfrauentag mit Plakaten wie „If you don’t fight for all women, you fight for no women!” Doch was Feminismus in verschiedenen Kulturräumen bedeutet und wie sich die Rolle der Frau in diesen Gesellschaften wandelt, damit setzen wir uns kaum auseinander. Ich möchte also diesen Kontraartikel dazu nutzen, mit euch einen Blick über den Tellerrand zu werfen. Genauer gesagt in die Golfstaaten, denn dass Frauen im Königreich Saudi-Arabien seit 2018 Autofahren dürfen, ist bei weitem nicht alles und schon gar nicht aussagekräftig, wenn man sich die Entwicklung der Geschlechterrollen anschaut.

Wenn wir – ich erlaube mir hier einfach mal zu pauschalisieren und die „westliche“ Perspektive plakativ und vereinfacht darzustellen– darüber nachdenken, warum wir hier (in westlichen Demokratien) auf einem guten Weg zu mehr Gleichstellung sind, dann fallen Begriffe wie Modernisierung, Medienpräsenz, Bildung, Wohlstand und wirtschaftliche Entwicklung.

Wir machen es uns zu leicht, wenn wir glauben, mit diesem Rezept und platt gesagt mit einer „Verwestlichung“ (was auch immer das sein mag) lassen sich feministische Ziele in Golfstaaten erreichen. Das heißt nicht, dass es in den Golf Staaten keinen Feminismus gibt, sondern vielmehr, dass „der“ Feminismus eigentlich „unser“ Feminismus ist und nicht das Maß aller Dinge. Tatsächlich hat sich dort ein eigener – wenn man so will arabischer[1] – Feminismus gebildet, nicht vollständig unabhängig von Entwicklungen in anderen Staaten, aber es ist eben auch in keiner Weise eine Adaptation „unseres“ Feminismus. Wir müssen in Feminismen denken, um die westliche Bias zumindest zu einem gewissen Grad abzulegen, wenn wir die Golfstaaten betrachten[2].

Wie ist also die aktuelle Situation? Welche Faktoren haben einen Einfluss? Und wo sind Frauen vertreten?

Um die aktuelle Situation in den Golfstaaten zu beschrieben, lohnt es sich einen kurzen Blick auf Geschlechterrollen, Bildung und Urbanität zu werfen. Eine konservative und binäre Geschlechtervorstellung dominiert das Familienrecht und die relativ strikte Geschlechterpolitik. Verheiratet zu werden – auch in sehr jungem Alter – ist nicht ungewöhnlich, aber und dass muss auch gesagt werden, in einigen Staaten bzw. Stämmen dieser tribal organisierten Gesellschaften ist die Scheidungspolitik „frauenfreundlich“ und Staaten wie u.a. Qatar bauen Kinderbetreuungsmöglichkeiten stetig aus, um Frauen die Erwerbstätigkeit zu ermöglichen. Doch obwohl Frauen im Schnitt besser gebildet sind, höhere und mehr Abschlüsse als Männer haben, sind sie auf dem Arbeitsmarkt, besonders in Führungspositionen deutlich unterrepräsentiert.

Innerhalb der Nomadenstämme und im ländlichen Raum ist die Stellung der Frau in vielen Bereichen deutlich besser. Im Königreich Saudi-Arabien gilt, dass die nicht wahhabitischen Stämme auf dem Land oft deutlich progressiver sind als die städtische Bevölkerung, die oft der konservativen, hanbalitischen Rechtsschule folgen.

Die meist strikte Geschlechtertrennung bei Bildungseinrichtungen und Aktivitätenangeboten, sowie die vielen geschlechtsspezifische Verhaltensregeln im öffentlichen Raum verdeutlichen das Geschlechterverständnis. So finden sich in Saudi-Arabien beispielsweise Schilder an Familienbereichen, die darauf hinweisen, dass Frauen der Zutritt ohne Begleitung verboten ist

 

 

 

 

 

Besonders zwei Faktoren sind für die Entwicklung am Golf entscheidend.

1. lässt sich insbesondere die deutliche Differenz zwischen Bildungsabschluss und Erwerbstätigkeit mit dem immanenten Rollenverständnis begründen, das verhindert, dass Frauen erwerbstätig sind. Hier ist aber wichtig, sich zwei Dingen bewusst zu sein: Erstens gründen die Geschlechterrollen nicht allein in einer religiösen Auffassung. Nach islamischem Recht haben Frauen das Recht zu arbeiten. Zweitens haben die in der Gesellschaft verankerten Werte und Normen auch für die Frauen eine sehr zentrale Stellung, mit dem Ergebnis, dass diese oft nicht das Bedürfnis nach eigener Erwerbstätigkeit haben.

2. Der zweite und mindestens genauso bedeutende Faktor für oder eben gegen Gleichstellung der Frau ist Urbanität und ökonomische Stärke. Bedingt durch den Ölboom haben Staaten wie u.a. Saudi-Arabien die finanziellen Möglichkeiten Parallelstrukturen und sogenannte „female protected spaces“[3] aufzubauen. Frauen haben so zwar mehr Möglichkeiten und sind autonomer, aber eben nur innerhalb der Grenzen von Geschlechtertrennung. Urbanisierung und Wohlstand haben gleichzeitig dazu geführt, dass in Städten keine Notwendigkeit für die Frauen besteht zu arbeiten.

Soweit so „antifeministisch“. Doch wir dürfen die Frauen am Golf nicht als passive Opfer des patriarchalen Systems sehen. Feminismus und feministische Ziele sind Thema. Die „Frau“ wird zunehmend zu einem Politikum. Das wohl bekannteste Beispiel ist die Fahrerlaubnis, die sich die saudischen Frauen 2018 erkämpften. Es steht repräsentativ für viele feministische Errungenschaften mit dessen liberalen Schlagzeilen sich die Regierenden schmücken. Aber es zeigt auch die Ambiguität zwischen dem so generierten frauenfreundlichen Image und der tatsächlichen Haltung gegenüber Frauen. Denn zeitgleich wurden mehr als ein duzend Frauenrechtsaktivistinnen festgenommen.

Gleichzeitig wird das Thema „Frau“ gezielt von großen Unternehmen und Banken wie auch staatlichen Organisationen genutzt für ein liberales und progressives Image. Angefangen bei dem Sponsoring von Webseiten von Frauen und der Inszenierung von erfolgreichen Rolle Models zu Werbezwecken, bis hin zu Veranstaltungen wie dem National Dialog on Women in Saudi-Arabien.

Am Beispiel Oman zeigt sich, wie auch von Frauen am Golf Feminismus ausgeht. Selbstbestimmte Familienplanung ist etwas ur-feministisches. Dass omanische Frauen die Pille – etwas, dass hier als feministische Errungenschaft gefeiert wurde – ablehnen, ist aber nicht antifeministisch. Vielmehr ist es Ausdruck ihrer eigenen Diskurse und eben keine adaptierte feministische Haltung.

Es ist wichtig, sich bewusst zu sein, dass wir unsere Werte und Vorstellungen weder anderen aufdrängen noch ihnen absprechen können, feministisch zu sein. Der Feminismus am Golf angekommen. Eine Frage, die wir uns aber stellen dürfen unabhängig von geographischer Lage und Kultur und vielleicht auch müssen ist, inwieweit Frauen für ihre feministischen Ziele kämpfen oder ob Feminismus gezielt von der männlichen Elite genutzt wird, um ein bestimmtes Image zu generieren. Die Frage ist aber auch: Macht es einen Unterschied?


[1] Al-Hassan Golley, N. 2004: „Is Feminism Relevant to Arab Women?”, Third World Quarterly 25 (3). 521-536.

[2] Dieser Artikel bezieht sich bewusst nur auf das binäre Geschlechterverständnis. Auch in den Golfstaaten gibt es nicht-binäre Debatten über Gender , die in verschiedener Weise deutlich werden, diese Mitaufzunehmen würde aber den Rahmen dieses Artikels deutlich sprengen.

[3] Le Renard 627

 ©2020

Kontra 2020

Von Hannah-Lea Braun  KV Böblingen

Wir Jusos bezeichnen uns selbst nicht nur als internationalistisch, sondern auch feministisch. Wir demonstrieren am Weltfrauentag mit Plakaten wie „If you don’t fight for all women, you fight for no women!” Doch was Feminismus in verschiedenen Kulturräumen bedeutet und wie sich die Rolle der Frau in diesen Gesellschaften wandelt, damit setzen wir uns kaum auseinander. Ich möchte also diesen Kontraartikel dazu nutzen, mit euch einen Blick über den Tellerrand zu werfen. Genauer gesagt in die Golfstaaten, denn dass Frauen im Königreich Saudi-Arabien seit 2018 Autofahren dürfen, ist bei weitem nicht alles und schon gar nicht aussagekräftig, wenn man sich die Entwicklung der Geschlechterrollen anschaut.

Wenn wir – ich erlaube mir hier einfach mal zu pauschalisieren und die „westliche“ Perspektive plakativ und vereinfacht darzustellen– darüber nachdenken, warum wir hier (in westlichen Demokratien) auf einem guten Weg zu mehr Gleichstellung sind, dann fallen Begriffe wie Modernisierung, Medienpräsenz, Bildung, Wohlstand und wirtschaftliche Entwicklung.

Wir machen es uns zu leicht, wenn wir glauben, mit diesem Rezept und platt gesagt mit einer „Verwestlichung“ (was auch immer das sein mag) lassen sich feministische Ziele in Golfstaaten erreichen. Das heißt nicht, dass es in den Golf Staaten keinen Feminismus gibt, sondern vielmehr, dass „der“ Feminismus eigentlich „unser“ Feminismus ist und nicht das Maß aller Dinge. Tatsächlich hat sich dort ein eigener – wenn man so will arabischer[1] – Feminismus gebildet, nicht vollständig unabhängig von Entwicklungen in anderen Staaten, aber es ist eben auch in keiner Weise eine Adaptation „unseres“ Feminismus. Wir müssen in Feminismen denken, um die westliche Bias zumindest zu einem gewissen Grad abzulegen, wenn wir die Golfstaaten betrachten[2].

Wie ist also die aktuelle Situation? Welche Faktoren haben einen Einfluss? Und wo sind Frauen vertreten?

Um die aktuelle Situation in den Golfstaaten zu beschrieben, lohnt es sich einen kurzen Blick auf Geschlechterrollen, Bildung und Urbanität zu werfen. Eine konservative und binäre Geschlechtervorstellung dominiert das Familienrecht und die relativ strikte Geschlechterpolitik. Verheiratet zu werden – auch in sehr jungem Alter – ist nicht ungewöhnlich, aber und dass muss auch gesagt werden, in einigen Staaten bzw. Stämmen dieser tribal organisierten Gesellschaften ist die Scheidungspolitik „frauenfreundlich“ und Staaten wie u.a. Qatar bauen Kinderbetreuungsmöglichkeiten stetig aus, um Frauen die Erwerbstätigkeit zu ermöglichen. Doch obwohl Frauen im Schnitt besser gebildet sind, höhere und mehr Abschlüsse als Männer haben, sind sie auf dem Arbeitsmarkt, besonders in Führungspositionen deutlich unterrepräsentiert.

Innerhalb der Nomadenstämme und im ländlichen Raum ist die Stellung der Frau in vielen Bereichen deutlich besser. Im Königreich Saudi-Arabien gilt, dass die nicht wahhabitischen Stämme auf dem Land oft deutlich progressiver sind als die städtische Bevölkerung, die oft der konservativen, hanbalitischen Rechtsschule folgen.

Die meist strikte Geschlechtertrennung bei Bildungseinrichtungen und Aktivitätenangeboten, sowie die vielen geschlechtsspezifische Verhaltensregeln im öffentlichen Raum verdeutlichen das Geschlechterverständnis. So finden sich in Saudi-Arabien beispielsweise Schilder an Familienbereichen, die darauf hinweisen, dass Frauen der Zutritt ohne Begleitung verboten ist

Besonders zwei Faktoren sind für die Entwicklung am Golf entscheidend.

1. lässt sich insbesondere die deutliche Differenz zwischen Bildungsabschluss und Erwerbstätigkeit mit dem immanenten Rollenverständnis begründen, das verhindert, dass Frauen erwerbstätig sind. Hier ist aber wichtig, sich zwei Dingen bewusst zu sein: Erstens gründen die Geschlechterrollen nicht allein in einer religiösen Auffassung. Nach islamischem Recht haben Frauen das Recht zu arbeiten. Zweitens haben die in der Gesellschaft verankerten Werte und Normen auch für die Frauen eine sehr zentrale Stellung, mit dem Ergebnis, dass diese oft nicht das Bedürfnis nach eigener Erwerbstätigkeit haben.

2. Der zweite und mindestens genauso bedeutende Faktor für oder eben gegen Gleichstellung der Frau ist Urbanität und ökonomische Stärke. Bedingt durch den Ölboom haben Staaten wie u.a. Saudi-Arabien die finanziellen Möglichkeiten Parallelstrukturen und sogenannte „female protected spaces“[3] aufzubauen. Frauen haben so zwar mehr Möglichkeiten und sind autonomer, aber eben nur innerhalb der Grenzen von Geschlechtertrennung. Urbanisierung und Wohlstand haben gleichzeitig dazu geführt, dass in Städten keine Notwendigkeit für die Frauen besteht zu arbeiten.

Soweit so „antifeministisch“. Doch wir dürfen die Frauen am Golf nicht als passive Opfer des patriarchalen Systems sehen. Feminismus und feministische Ziele sind Thema. Die „Frau“ wird zunehmend zu einem Politikum. Das wohl bekannteste Beispiel ist die Fahrerlaubnis, die sich die saudischen Frauen 2018 erkämpften. Es steht repräsentativ für viele feministische Errungenschaften mit dessen liberalen Schlagzeilen sich die Regierenden schmücken. Aber es zeigt auch die Ambiguität zwischen dem so generierten frauenfreundlichen Image und der tatsächlichen Haltung gegenüber Frauen. Denn zeitgleich wurden mehr als ein duzend Frauenrechtsaktivistinnen festgenommen.

Gleichzeitig wird das Thema „Frau“ gezielt von großen Unternehmen und Banken wie auch staatlichen Organisationen genutzt für ein liberales und progressives Image. Angefangen bei dem Sponsoring von Webseiten von Frauen und der Inszenierung von erfolgreichen Rolle Models zu Werbezwecken, bis hin zu Veranstaltungen wie dem National Dialog on Women in Saudi-Arabien.

Am Beispiel Oman zeigt sich, wie auch von Frauen am Golf Feminismus ausgeht. Selbstbestimmte Familienplanung ist etwas ur-feministisches. Dass omanische Frauen die Pille – etwas, dass hier als feministische Errungenschaft gefeiert wurde – ablehnen, ist aber nicht antifeministisch. Vielmehr ist es Ausdruck ihrer eigenen Diskurse und eben keine adaptierte feministische Haltung.

Es ist wichtig, sich bewusst zu sein, dass wir unsere Werte und Vorstellungen weder anderen aufdrängen noch ihnen absprechen können, feministisch zu sein. Der Feminismus am Golf angekommen. Eine Frage, die wir uns aber stellen dürfen unabhängig von geographischer Lage und Kultur und vielleicht auch müssen ist, inwieweit Frauen für ihre feministischen Ziele kämpfen oder ob Feminismus gezielt von der männlichen Elite genutzt wird, um ein bestimmtes Image zu generieren. Die Frage ist aber auch: Macht es einen Unterschied?


[1] Al-Hassan Golley, N. 2004: „Is Feminism Relevant to Arab Women?”, Third World Quarterly 25 (3). 521-536.

[2] Dieser Artikel bezieht sich bewusst nur auf das binäre Geschlechterverständnis. Auch in den Golfstaaten gibt es nicht-binäre Debatten über Gender , die in verschiedener Weise deutlich werden, diese Mitaufzunehmen würde aber den Rahmen dieses Artikels deutlich sprengen.

[3] Le Renard 627

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