Orbáns unbegrenzte Macht

Orbáns unbegrenzte Macht

von Titus Heyme, KV Mannheim

Scroll down for english version 

Am 30. März stimmte das ungarische Parlament seiner Selbstentmachtung zu – Ungarns Demokratie steht bis auf weiteres unter Quarantäne. Was bedeutet das für Europa?   

Die antidemokratische Entwicklung in Ungarn war kein Sprint der letzten Wochen. Sie ist ein seit über zehn Jahren andauernder Marathon der rechtsnationalen FIDESZ-Regierung, die sukzessive den Rechtsstaat aushöhlt und sich die Instrumentarien des Staates zu eigen macht: die massive Einschränkung der Pressefreiheit 2011, die Wahlrechtsbeschneidung 2012, die erste Parlamentswahl mit zugunsten der FIDESZ neu zurechtgeschnittenen Wahlkreisen 2014 – all diese Reformen zielten auf den Machterhalt Orbáns und die Zermürbung der liberalen Kräfte des Landes ab. Mit dem am 30. März beschlossenen unbefristeten Notstandsgesetz, einem defacto Ermächtigungsgesetz, beseitigt die Regierung um Viktor Orbán die letzten Reste des Rechtsstaates, und besiegelt damit das Ende der ungarischen Demokratie – nach nicht einmal 21 Jahren. Nein, das ist keine Überspitzung: Orbán bekämpft mit seinem neuen Gesetz keineswegs die Ausbreitung des Corona-Virus, sondern einzig und allein nicht fügsame JournalistInnen und Oppositionelle. Dass dieses Gesetz angesichts der aktuellen Corona-Pandemie unverhältnismäßig ist, zeigt sich in dem schon am 11. März ausgerufenen Notstand, welcher der Regierung bereits weitrechende Vollmachten verlieh, allerdings alle 15 Tage vom Parlament bestätigt werden musste. Ein für die Regierung verhältnismäßig kleines Hindernis, angesichts der 2/3 Mehrheit der FIDESZ im Parlament und dem Versprechen der Opposition, den Ausnahmezustand noch bis mindestens Ende Juni mitzutragen. Dieser ´lästige´ Kontrollmechanismus wurde jetzt beseitigt. Zusammen mit der Aufnahme neuer Strafbestände, nach denen beispielsweise die „Verbreitung falscher oder verzerrter Informationen, die die erforderliche Verteidigung in der Krise behindern“ mit bis zu fünf Jahren Haft geahndet werden. Die schwammige Formulierung ist Programm: um Journalisten einzuschüchtern und um die kargen Reste unabhängiger Medien weiter zu beschneiden. Das erste im Notstand verabschiedete Gesetz verbietet im Übrigen die Transsexualität – sieht das nach einem Kampf gegen das Corona-Virus aus? 

Wehret den Anfängen 

Die Europäische Kommission, wie auch die Bundesrepublik als wichtigster Handelspartner Ungarns, müssen jetzt schnell und entschlossen reagieren, um einen europaweiten Flächenbrand der Demokratie zu verhindern. Denn das Gefährliche: Ungarn ist keine isolierte Insel des autoritären Nationalismus. Orbán und seine Gefolgschaft ist Teil eines Konsortiums ähnlich denkender Regierungen, welche alles daran setzen aus einem liberalen Europa, ein Europa der starken Nationalstaaten zu machen. 

Europäische Sanktionen gegen Ungarn sind aufgrund der erforderlichen Einstimmigkeit unrealistisch. Der EU-Rat kann allerdings im Rahmen des Artikel-7-Verfahrens feststellen, dass in Ungarn die konkrete Gefahr schwerwiegender Verletzungen der EU-Grundwerte besteht. Die EVP, der auch die CDU angehört, muss die FIDESZ jetzt unverzüglich aus ihren Reihen verbannen. Und es ist höchste Zeit, dass die EU Orbán die Grenzen der Rechtsauslegung klar macht. Die EU-Kommission als Hüterin der Verträge muss jetzt, da diese so massiv verletzt werden, dagegen klagen, um dem europäischen Gerichtshof die Möglichkeit zu geben Geldstrafen zu verhängen. Geldstrafen, die so empfindlich hoch ausfallen könnten, dass es auch die ungarische Regierung nicht kalt lassen kann. Und noch eine Waffe hat die EU, die jetzt eingesetzt werden muss: Sie kann prüfen lassen, ob die Fördergelder, die Ungarn in Milliardenhöhe zustehen, künftig nicht mehr zentral über die Regierung in Budapest verwaltet werden, sondern direkt an die Regionen und Kommunen gehen. Denn diese sind Orbáns Achillesferse: nur auf Kommunaler Ebene konnten die oppositionellen Parteien die Kraft aufbringen Rathäuser gegen FIDESZ-Kandidaten zu erobern.  

Die EU hat die Pflicht, wie ein Zerberus über die Rechtsstaatlichkeit zu wachen. Das bedeutet zu handeln, bevor der von Orbán vorgelebte wuchernde Autoritarismus auch in Europa salonfähig wird. Corona ist eben nicht nur eine Gesundheits- und Wirtschaftskrise. Passen wir nicht auf, zersetzt das Corona-Virus auch die Lunge der historisch größten zwischenstaatlichen Errungenschaft nach Ende des zweiten Weltkriegs. 

  

Orbán´s unlimited power 

On March 30 the Hungarian parliament agreed to its self-disempowerment – Hungary’s democracy is under quarantine until further notice. What does this mean for Europe?   

The anti-democratic development in Hungary has not been a sprint in recent weeks. It is a marathon of the right-wing national FIDESZ government, which has been running for more than ten years, successively undermining the rule of law and appropriating the instruments of the state: the massive restriction of press freedom in 2011, the curtailment of voting rights in 2012, the first parliamentary elections in 2014 with constituencies that have been redefined in favour of FIDESZ – all these reforms were aimed at keeping Orbán in power and demoralising the country’s liberal forces. With the emergency law, a de facto enabling law passed on 30 March, the Orbán administration is removing the last remnants of the constitutional state, thus sealing the end of Hungarian democracy – after less than 21 years. No, that is no exaggeration: with his new law, Orbán is by no means combating the spread of the corona virus, but solely non-docile journalists and opposition members. The fact that this law is disproportionate in view of the current corona pandemic is demonstrated by the state of emergency already declared on March 11, which anyway gave the government far-reaching powers, but which had to be confirmed by the parliament every 15 days. A relatively small obstacle for the government, given the 2/3 majority of the FIDESZ in parliament and the opposition’s promise to support the state of emergency at least until the end of June. This ‘troublesome’ control mechanism has now been removed. Together with the inclusion of new penalties, according to which, for example, the “dissemination of false or distorted information that hampers the necessary defence in the crisis” is punishable with up to five years imprisonment. The vague wording is deliberate in order to intimidate journalists and to further curtail the meagre remnants of independent media. Furthermore, the first law passed in a state of emergency bans transsexuality – does this look like a fight against the coronavirus? 

Resist the beginnings 

The European Commission, like the Federal Republic of Germany as Hungary’s most important trading partner, must now react quickly and decisively to prevent a Europe-wide conflagration of democracy, because the dangerous thing is: Hungary is not an isolated island of authoritarian nationalism. Orbán and his allegiance are part of a consortium of similarly thinking governments which are doing everything they can to turn a liberal Europe into a Europe of strong nation-states. 

European sanctions against Hungary are unrealistic because of the required unanimity. However, the EU Council can determine within the framework of the Article 7 procedure that there is a concrete danger of serious violations of the EU’s basic values in Hungary. The EPP, one of which the CDU is a member, must now immediately ban the FIDESZ from its ranks. And it´s about time that the EU clearly shows Orbán the limits of legal interpretation. The EU Commission, as guardian of the Treaties must, now that they have been so massively violated, take legal action against it, in order to give the European Court of Justice possibility to impose fines. Fines that could be so tellingly severe that not even the Hungarian Government can remain indifferent. And the EU has another weapon that must be used now: it can have it checked whether the billions of euros in subsidies to which Hungary is entitled will in future no longer be managed centrally via the government in Budapest, but will go directly to the regions and municipalities. Because these are Orbán’s Achilles’ heel: only at the local level the opposition parties have been able to muster the strength to win city halls against FIDESZ candidates.  

The EU has a duty to watch over the rule of law like a cerberus. That means acting before the rampant authoritarianism exemplified by Orbán becomes socially acceptable in Europe. Corona is not just a health and economic crisis. If we are not careful, the corona virus will also decompose the lungs of the historically greatest intergovernmental achievement since the end of the Second World War.   

Zur Person des Autors

Titus Heyme ist Kreisvorsitzender in Mannheim und Landesausschusspräside. 

Seine Mutter kommt aus Ungarn, er ist zweisprachig aufgewachsen und verbringt viel Zeit in Budapest bei seiner Familie und Freunden. 

Titelbild: © European People’s Party
https://www.flickr.com/photos/eppofficial/9298443437/

Kontra 2020

von Titus Heyme, KV Mannheim

Scroll down for english version 

Am 30. März stimmte das ungarische Parlament seiner Selbstentmachtung zu – Ungarns Demokratie steht bis auf weiteres unter Quarantäne. Was bedeutet das für Europa?   

Die antidemokratische Entwicklung in Ungarn war kein Sprint der letzten Wochen. Sie ist ein seit über zehn Jahren andauernder Marathon der rechtsnationalen FIDESZ-Regierung, die sukzessive den Rechtsstaat aushöhlt und sich die Instrumentarien des Staates zu eigen macht: die massive Einschränkung der Pressefreiheit 2011, die Wahlrechtsbeschneidung 2012, die erste Parlamentswahl mit zugunsten der FIDESZ neu zurechtgeschnittenen Wahlkreisen 2014 – all diese Reformen zielten auf den Machterhalt Orbáns und die Zermürbung der liberalen Kräfte des Landes ab. Mit dem am 30. März beschlossenen unbefristeten Notstandsgesetz, einem defacto Ermächtigungsgesetz, beseitigt die Regierung um Viktor Orbán die letzten Reste des Rechtsstaates, und besiegelt damit das Ende der ungarischen Demokratie – nach nicht einmal 21 Jahren. Nein, das ist keine Überspitzung: Orbán bekämpft mit seinem neuen Gesetz keineswegs die Ausbreitung des Corona-Virus, sondern einzig und allein nicht fügsame JournalistInnen und Oppositionelle. Dass dieses Gesetz angesichts der aktuellen Corona-Pandemie unverhältnismäßig ist, zeigt sich in dem schon am 11. März ausgerufenen Notstand, welcher der Regierung bereits weitrechende Vollmachten verlieh, allerdings alle 15 Tage vom Parlament bestätigt werden musste. Ein für die Regierung verhältnismäßig kleines Hindernis, angesichts der 2/3 Mehrheit der FIDESZ im Parlament und dem Versprechen der Opposition, den Ausnahmezustand noch bis mindestens Ende Juni mitzutragen. Dieser ´lästige´ Kontrollmechanismus wurde jetzt beseitigt. Zusammen mit der Aufnahme neuer Strafbestände, nach denen beispielsweise die „Verbreitung falscher oder verzerrter Informationen, die die erforderliche Verteidigung in der Krise behindern“ mit bis zu fünf Jahren Haft geahndet werden. Die schwammige Formulierung ist Programm: um Journalisten einzuschüchtern und um die kargen Reste unabhängiger Medien weiter zu beschneiden. Das erste im Notstand verabschiedete Gesetz verbietet im Übrigen die Transsexualität – sieht das nach einem Kampf gegen das Corona-Virus aus? 

Wehret den Anfängen 

Die Europäische Kommission, wie auch die Bundesrepublik als wichtigster Handelspartner Ungarns, müssen jetzt schnell und entschlossen reagieren, um einen europaweiten Flächenbrand der Demokratie zu verhindern. Denn das Gefährliche: Ungarn ist keine isolierte Insel des autoritären Nationalismus. Orbán und seine Gefolgschaft ist Teil eines Konsortiums ähnlich denkender Regierungen, welche alles daran setzen aus einem liberalen Europa, ein Europa der starken Nationalstaaten zu machen. 

Europäische Sanktionen gegen Ungarn sind aufgrund der erforderlichen Einstimmigkeit unrealistisch. Der EU-Rat kann allerdings im Rahmen des Artikel-7-Verfahrens feststellen, dass in Ungarn die konkrete Gefahr schwerwiegender Verletzungen der EU-Grundwerte besteht. Die EVP, der auch die CDU angehört, muss die FIDESZ jetzt unverzüglich aus ihren Reihen verbannen. Und es ist höchste Zeit, dass die EU Orbán die Grenzen der Rechtsauslegung klar macht. Die EU-Kommission als Hüterin der Verträge muss jetzt, da diese so massiv verletzt werden, dagegen klagen, um dem europäischen Gerichtshof die Möglichkeit zu geben Geldstrafen zu verhängen. Geldstrafen, die so empfindlich hoch ausfallen könnten, dass es auch die ungarische Regierung nicht kalt lassen kann. Und noch eine Waffe hat die EU, die jetzt eingesetzt werden muss: Sie kann prüfen lassen, ob die Fördergelder, die Ungarn in Milliardenhöhe zustehen, künftig nicht mehr zentral über die Regierung in Budapest verwaltet werden, sondern direkt an die Regionen und Kommunen gehen. Denn diese sind Orbáns Achillesferse: nur auf Kommunaler Ebene konnten die oppositionellen Parteien die Kraft aufbringen Rathäuser gegen FIDESZ-Kandidaten zu erobern.  

Die EU hat die Pflicht, wie ein Zerberus über die Rechtsstaatlichkeit zu wachen. Das bedeutet zu handeln, bevor der von Orbán vorgelebte wuchernde Autoritarismus auch in Europa salonfähig wird. Corona ist eben nicht nur eine Gesundheits- und Wirtschaftskrise. Passen wir nicht auf, zersetzt das Corona-Virus auch die Lunge der historisch größten zwischenstaatlichen Errungenschaft nach Ende des zweiten Weltkriegs. 

 

 

 

 

 

Orbán´s unlimited power 

On March 30 the Hungarian parliament agreed to its self-disempowerment – Hungary’s democracy is under quarantine until further notice. What does this mean for Europe?   

The anti-democratic development in Hungary has not been a sprint in recent weeks. It is a marathon of the right-wing national FIDESZ government, which has been running for more than ten years, successively undermining the rule of law and appropriating the instruments of the state: the massive restriction of press freedom in 2011, the curtailment of voting rights in 2012, the first parliamentary elections in 2014 with constituencies that have been redefined in favour of FIDESZ – all these reforms were aimed at keeping Orbán in power and demoralising the country’s liberal forces. With the emergency law, a de facto enabling law passed on 30 March, the Orbán administration is removing the last remnants of the constitutional state, thus sealing the end of Hungarian democracy – after less than 21 years. No, that is no exaggeration: with his new law, Orbán is by no means combating the spread of the corona virus, but solely non-docile journalists and opposition members. The fact that this law is disproportionate in view of the current corona pandemic is demonstrated by the state of emergency already declared on March 11, which anyway gave the government far-reaching powers, but which had to be confirmed by the parliament every 15 days. A relatively small obstacle for the government, given the 2/3 majority of the FIDESZ in parliament and the opposition’s promise to support the state of emergency at least until the end of June. This ‘troublesome’ control mechanism has now been removed. Together with the inclusion of new penalties, according to which, for example, the “dissemination of false or distorted information that hampers the necessary defence in the crisis” is punishable with up to five years imprisonment. The vague wording is deliberate in order to intimidate journalists and to further curtail the meagre remnants of independent media. Furthermore, the first law passed in a state of emergency bans transsexuality – does this look like a fight against the coronavirus? 

Resist the beginnings 

The European Commission, like the Federal Republic of Germany as Hungary’s most important trading partner, must now react quickly and decisively to prevent a Europe-wide conflagration of democracy, because the dangerous thing is: Hungary is not an isolated island of authoritarian nationalism. Orbán and his allegiance are part of a consortium of similarly thinking governments which are doing everything they can to turn a liberal Europe into a Europe of strong nation-states. 

European sanctions against Hungary are unrealistic because of the required unanimity. However, the EU Council can determine within the framework of the Article 7 procedure that there is a concrete danger of serious violations of the EU’s basic values in Hungary. The EPP, one of which the CDU is a member, must now immediately ban the FIDESZ from its ranks. And it´s about time that the EU clearly shows Orbán the limits of legal interpretation. The EU Commission, as guardian of the Treaties must, now that they have been so massively violated, take legal action against it, in order to give the European Court of Justice possibility to impose fines. Fines that could be so tellingly severe that not even the Hungarian Government can remain indifferent. And the EU has another weapon that must be used now: it can have it checked whether the billions of euros in subsidies to which Hungary is entitled will in future no longer be managed centrally via the government in Budapest, but will go directly to the regions and municipalities. Because these are Orbán’s Achilles’ heel: only at the local level the opposition parties have been able to muster the strength to win city halls against FIDESZ candidates.  

The EU has a duty to watch over the rule of law like a cerberus. That means acting before the rampant authoritarianism exemplified by Orbán becomes socially acceptable in Europe. Corona is not just a health and economic crisis. If we are not careful, the corona virus will also decompose the lungs of the historically greatest intergovernmental achievement since the end of the Second World War.   

Zur Person des Autors

Titus Heyme ist Kreisvorsitzender in Mannheim und Landesausschusspräside. 

Seine Mutter kommt aus Ungarn, er ist zweisprachig aufgewachsen und verbringt viel Zeit in Budapest bei seiner Familie und Freunden. 

Titelbild: © European People’s Party
https://www.flickr.com/photos/eppofficial/9298443437/

©2020

von Titus Heyme, KV Mannheim

Scroll down for english version 

Am 30. März stimmte das ungarische Parlament seiner Selbstentmachtung zu – Ungarns Demokratie steht bis auf weiteres unter Quarantäne. Was bedeutet das für Europa?   

Die antidemokratische Entwicklung in Ungarn war kein Sprint der letzten Wochen. Sie ist ein seit über zehn Jahren andauernder Marathon der rechtsnationalen FIDESZ-Regierung, die sukzessive den Rechtsstaat aushöhlt und sich die Instrumentarien des Staates zu eigen macht: die massive Einschränkung der Pressefreiheit 2011, die Wahlrechtsbeschneidung 2012, die erste Parlamentswahl mit zugunsten der FIDESZ neu zurechtgeschnittenen Wahlkreisen 2014 – all diese Reformen zielten auf den Machterhalt Orbáns und die Zermürbung der liberalen Kräfte des Landes ab. Mit dem am 30. März beschlossenen unbefristeten Notstandsgesetz, einem defacto Ermächtigungsgesetz, beseitigt die Regierung um Viktor Orbán die letzten Reste des Rechtsstaates, und besiegelt damit das Ende der ungarischen Demokratie – nach nicht einmal 21 Jahren. Nein, das ist keine Überspitzung: Orbán bekämpft mit seinem neuen Gesetz keineswegs die Ausbreitung des Corona-Virus, sondern einzig und allein nicht fügsame JournalistInnen und Oppositionelle. Dass dieses Gesetz angesichts der aktuellen Corona-Pandemie unverhältnismäßig ist, zeigt sich in dem schon am 11. März ausgerufenen Notstand, welcher der Regierung bereits weitrechende Vollmachten verlieh, allerdings alle 15 Tage vom Parlament bestätigt werden musste. Ein für die Regierung verhältnismäßig kleines Hindernis, angesichts der 2/3 Mehrheit der FIDESZ im Parlament und dem Versprechen der Opposition, den Ausnahmezustand noch bis mindestens Ende Juni mitzutragen. Dieser ´lästige´ Kontrollmechanismus wurde jetzt beseitigt. Zusammen mit der Aufnahme neuer Strafbestände, nach denen beispielsweise die „Verbreitung falscher oder verzerrter Informationen, die die erforderliche Verteidigung in der Krise behindern“ mit bis zu fünf Jahren Haft geahndet werden. Die schwammige Formulierung ist Programm: um Journalisten einzuschüchtern und um die kargen Reste unabhängiger Medien weiter zu beschneiden. Das erste im Notstand verabschiedete Gesetz verbietet im Übrigen die Transsexualität – sieht das nach einem Kampf gegen das Corona-Virus aus? 

Wehret den Anfängen 

Die Europäische Kommission, wie auch die Bundesrepublik als wichtigster Handelspartner Ungarns, müssen jetzt schnell und entschlossen reagieren, um einen europaweiten Flächenbrand der Demokratie zu verhindern. Denn das Gefährliche: Ungarn ist keine isolierte Insel des autoritären Nationalismus. Orbán und seine Gefolgschaft ist Teil eines Konsortiums ähnlich denkender Regierungen, welche alles daran setzen aus einem liberalen Europa, ein Europa der starken Nationalstaaten zu machen. 

Europäische Sanktionen gegen Ungarn sind aufgrund der erforderlichen Einstimmigkeit unrealistisch. Der EU-Rat kann allerdings im Rahmen des Artikel-7-Verfahrens feststellen, dass in Ungarn die konkrete Gefahr schwerwiegender Verletzungen der EU-Grundwerte besteht. Die EVP, der auch die CDU angehört, muss die FIDESZ jetzt unverzüglich aus ihren Reihen verbannen. Und es ist höchste Zeit, dass die EU Orbán die Grenzen der Rechtsauslegung klar macht. Die EU-Kommission als Hüterin der Verträge muss jetzt, da diese so massiv verletzt werden, dagegen klagen, um dem europäischen Gerichtshof die Möglichkeit zu geben Geldstrafen zu verhängen. Geldstrafen, die so empfindlich hoch ausfallen könnten, dass es auch die ungarische Regierung nicht kalt lassen kann. Und noch eine Waffe hat die EU, die jetzt eingesetzt werden muss: Sie kann prüfen lassen, ob die Fördergelder, die Ungarn in Milliardenhöhe zustehen, künftig nicht mehr zentral über die Regierung in Budapest verwaltet werden, sondern direkt an die Regionen und Kommunen gehen. Denn diese sind Orbáns Achillesferse: nur auf Kommunaler Ebene konnten die oppositionellen Parteien die Kraft aufbringen Rathäuser gegen FIDESZ-Kandidaten zu erobern.  

Die EU hat die Pflicht, wie ein Zerberus über die Rechtsstaatlichkeit zu wachen. Das bedeutet zu handeln, bevor der von Orbán vorgelebte wuchernde Autoritarismus auch in Europa salonfähig wird. Corona ist eben nicht nur eine Gesundheits- und Wirtschaftskrise. Passen wir nicht auf, zersetzt das Corona-Virus auch die Lunge der historisch größten zwischenstaatlichen Errungenschaft nach Ende des zweiten Weltkriegs. 

 

 

Orbán´s unlimited power 

On March 30 the Hungarian parliament agreed to its self-disempowerment – Hungary’s democracy is under quarantine until further notice. What does this mean for Europe?   

The anti-democratic development in Hungary has not been a sprint in recent weeks. It is a marathon of the right-wing national FIDESZ government, which has been running for more than ten years, successively undermining the rule of law and appropriating the instruments of the state: the massive restriction of press freedom in 2011, the curtailment of voting rights in 2012, the first parliamentary elections in 2014 with constituencies that have been redefined in favour of FIDESZ – all these reforms were aimed at keeping Orbán in power and demoralising the country’s liberal forces. With the emergency law, a de facto enabling law passed on 30 March, the Orbán administration is removing the last remnants of the constitutional state, thus sealing the end of Hungarian democracy – after less than 21 years. No, that is no exaggeration: with his new law, Orbán is by no means combating the spread of the corona virus, but solely non-docile journalists and opposition members. The fact that this law is disproportionate in view of the current corona pandemic is demonstrated by the state of emergency already declared on March 11, which anyway gave the government far-reaching powers, but which had to be confirmed by the parliament every 15 days. A relatively small obstacle for the government, given the 2/3 majority of the FIDESZ in parliament and the opposition’s promise to support the state of emergency at least until the end of June. This ‘troublesome’ control mechanism has now been removed. Together with the inclusion of new penalties, according to which, for example, the “dissemination of false or distorted information that hampers the necessary defence in the crisis” is punishable with up to five years imprisonment. The vague wording is deliberate in order to intimidate journalists and to further curtail the meagre remnants of independent media. Furthermore, the first law passed in a state of emergency bans transsexuality – does this look like a fight against the coronavirus? 

Resist the beginnings 

The European Commission, like the Federal Republic of Germany as Hungary’s most important trading partner, must now react quickly and decisively to prevent a Europe-wide conflagration of democracy, because the dangerous thing is: Hungary is not an isolated island of authoritarian nationalism. Orbán and his allegiance are part of a consortium of similarly thinking governments which are doing everything they can to turn a liberal Europe into a Europe of strong nation-states. 

European sanctions against Hungary are unrealistic because of the required unanimity. However, the EU Council can determine within the framework of the Article 7 procedure that there is a concrete danger of serious violations of the EU’s basic values in Hungary. The EPP, one of which the CDU is a member, must now immediately ban the FIDESZ from its ranks. And it´s about time that the EU clearly shows Orbán the limits of legal interpretation. The EU Commission, as guardian of the Treaties must, now that they have been so massively violated, take legal action against it, in order to give the European Court of Justice possibility to impose fines. Fines that could be so tellingly severe that not even the Hungarian Government can remain indifferent. And the EU has another weapon that must be used now: it can have it checked whether the billions of euros in subsidies to which Hungary is entitled will in future no longer be managed centrally via the government in Budapest, but will go directly to the regions and municipalities. Because these are Orbán’s Achilles’ heel: only at the local level the opposition parties have been able to muster the strength to win city halls against FIDESZ candidates.  

The EU has a duty to watch over the rule of law like a cerberus. That means acting before the rampant authoritarianism exemplified by Orbán becomes socially acceptable in Europe. Corona is not just a health and economic crisis. If we are not careful, the corona virus will also decompose the lungs of the historically greatest intergovernmental achievement since the end of the Second World War.   

Zur Person des Autors

Titus Heyme ist Kreisvorsitzender in Mannheim und Landesausschusspräside. 

Seine Mutter kommt aus Ungarn, er ist zweisprachig aufgewachsen und verbringt viel Zeit in Budapest bei seiner Familie und Freunden. 

Titelbild: © European People’s Party
https://www.flickr.com/photos/eppofficial/9298443437/