Pride ist mehr als Party

Pride ist mehr als Party

Kontra 2020

Vor 51 Jahren erhoben sich in New York queere Menschen gegen Polizeiwillkür und -gewalt.  Wo stehen wir 2020, nach einem halben Jahrhundert Kampf für die Emanzipation von LGBTIQ+-Menschen?

Von Florian Burkhardt

Heute vor 51 Jahren brachen in der New Yorker Christopher Street die Stonewall Riots aus. Repressalien der Polizei gegen die queere Community erreichten den Siedepunkt und ausgehend vom Stonewall Inn kam es bis zum 03. Juli zu spontanen, gewaltsamen Demonstrationen.

Die Stonewall Riots waren ein Wendepunkt. Nur sechs Monate nach den Unruhen hatten sich in New York zwei große politische Gruppen gegründet, die sich offen für die Gleichberechtigung und Sichtbarkeit von Schwulen und Lesben einsetzten und die Grundlage für viele spätere Liberalisierungen legten. Im Jahr danach fanden die ersten Pride-Demonstrationen in New York, San Francisco, Chicago, Los Angeles und anderen Städten statt, um an die Ausschreitungen zu erinnern. Binnen zwei Jahren nach den Stonewall Riots gab es Gruppen überall in den USA sowie in Kanada, Westeuropa, Australien und Neuseeland.

Corona hat dieses Jahr dazu geführt, dass die klassischen Pride- und CSD-Paraden nicht stattfinden werden. Vielleicht ist das ein guter Moment, um innezuhalten und sich ein halbes Jahrhundert nach Stonewall zu hinterfragen und zu reflektieren.

Denn einerseits lässt sich die Geschichte der Community seit Stonewall – vor allem im Westen, aber auch in anderen Ländern – als Erfolgsstory erzählen. Von Entkriminalisierung über Diskriminierungsverbote bis zur Öffnung der Ehe, in vielen Ländern wurde viel erreicht. Die gesellschaftliche Akzeptanz ist – natürlich regional unterschiedlich stark – inzwischen groß. Darauf kann und muss man stolz sein.

Stillstand und Rückschritte

Aber trotz aller Fortschritte ist echte Gleichberechtigung noch ein weit entferntes Ziel. Die Suizidrate von queeren Jugendlichen ist immer noch bis zu fünfmal höher als die ihrer heterosexuellen Peers. Die Zahl der Gewaltverbrechen gegen LGBTIQ+-Menschen steigt. Deutschland braucht dringend ein zeitgemäßes Gesetz zur Anerkennung der selbstbestimmten Geschlechtsidentität. Und das eigentliche Ziel, eine Gesellschaft, in der Dinge wie ein Coming-out nicht mehr nötig sind, weil Heteronormativität endlich in der Mülltonne der Geschichte gelandet ist, bleibt wohl auch auf absehbare Zeit eine Utopie, für die wir kämpfen müssen.

Und in anderen Teilen der Welt ist die Lage auch nach einem halben Jahrhundert Kampf für Emanzipation noch schlechter: In Polen richten Nazis „LGBT-Ideologie-freie Zonen“ ein. In Ungarn wollen die Rechtsradikalen um Viktor Orban Transmenschen nicht mehr anerkennen. In Brasilien schürt Präsident Bolsonaro Homophobie und Hass gegen die Community. 

 

 

 

In den USA arbeitet die Trump-Regierung aktiv daran Transmenschen den Zugang zur Gesundheitsversorgung abzuschneiden. Und dann gibt es Länder in Afrika, im Nahen Osten, in Ostasien und Lateinamerika, in denen queeres Leben bis heute kriminalisiert wird, teilweise mit der Todesstrafe.

Das Stonewall Inn war 1969 vor allem ein Ort für die ärmsten und marginalisiertesten Mitglieder der Community: Butch Lesben, Femme Schwule, Drag Queens, Transmenschen, obdachlose queere Jugendliche und Prostituierte, Schwarze und Latinos. Diese Gruppen wurden damals schon von Teilen von vor allem weißen Schwulen und Lesben ausgegrenzt. Daran hat sich wenig geändert. Damals wie heute gibt es in der Community Probleme mit der Solidarität: Gegenüber Transmenschen. Gegenüber Bisexuellen. Gegenüber PoC. Gegenüber Menschen, die Verhaltens- oder Schönheitsidealen nicht entsprechen.

Das ist umso bitterer, weil es eben nicht weiße, straight-acting Schwule waren, die vor 51 Jahren auf die Straße gegangen sind. Zwei der wichtigsten Namen im Kontext der Aufstände, Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera waren PoC und trans. Wir stehen da, wo wir heute stehen, weil wir auf den Schultern solcher Giganten stehen. Und deshalb muss für die ganze Community gelten: Wer Gleichstellung von Heteros erwartet, muss sie auch nach innen leben. Wer glaubt, der Kampf gegen Rassismus, gegen Sexismus, gegen jede Form von Diskriminierung hätte nichts mit dem Kampf von LGBTIQ+-Menschen zu tun, der ist auf dem Holzweg. Deren Kampf ist unser Kampf.

Kriegt euren Arsch hoch

Pride ist mehr als Party. Pride ist etwas Hochpolitisches. Wir stehen im Jahr 2020 an einem Scheideweg: Entweder wir schaffen es den Push nach vorn, mit dem wir in den letzten Jahrzehnten so viel erkämpft haben, aufrecht zu erhalten. Oder wir erlahmen und werden erleben, wie viele der Errungenschaften seit Stonewall Stück für Stück in Gefahr geraten.

Wenn die privilegierteren Teile der Community ihren Arsch nicht hochkriegen, werden sie ein böses Erwachen erleben. Wer glaubt Zustände, wie in Polen oder Ungarn seien in Deutschland unmöglich, ist blind für die gesellschaftliche Realität. Die gleichen Kräfte planen auch hierzulande den Rollback.  Das eigentliche Vermächtnis von Stonewall ist, dass der Kampf um Gleichberechtigung für queere Menschen weitergeht.

Zur Person des Autors

Florian Burkhardt ist 28 Jahre alt, Bundesausschussdelegierter der Jusos Baden-Württemberg und stellvertretender SPD-Kreisvorsitzender in Tübingen.

Titelbild: Toni Reed on Unsplash

©2020

Kontra 2020

Vor 51 Jahren erhoben sich in New York queere Menschen gegen Polizeiwillkür und -gewalt.  Wo stehen wir 2020, nach einem halben Jahrhundert Kampf für die Emanzipation von LGBTIQ+-Menschen?

Von Florian Burkhardt

Heute vor 51 Jahren brachen in der New Yorker Christopher Street die Stonewall Riots aus. Repressalien der Polizei gegen die queere Community erreichten den Siedepunkt und ausgehend vom Stonewall Inn kam es bis zum 03. Juli zu spontanen, gewaltsamen Demonstrationen.

Die Stonewall Riots waren ein Wendepunkt. Nur sechs Monate nach den Unruhen hatten sich in New York zwei große politische Gruppen gegründet, die sich offen für die Gleichberechtigung und Sichtbarkeit von Schwulen und Lesben einsetzten und die Grundlage für viele spätere Liberalisierungen legten. Im Jahr danach fanden die ersten Pride-Demonstrationen in New York, San Francisco, Chicago, Los Angeles und anderen Städten statt, um an die Ausschreitungen zu erinnern. Binnen zwei Jahren nach den Stonewall Riots gab es Gruppen überall in den USA sowie in Kanada, Westeuropa, Australien und Neuseeland.

Corona hat dieses Jahr dazu geführt, dass die klassischen Pride- und CSD-Paraden nicht stattfinden werden. Vielleicht ist das ein guter Moment, um innezuhalten und sich ein halbes Jahrhundert nach Stonewall zu hinterfragen und zu reflektieren.

Denn einerseits lässt sich die Geschichte der Community seit Stonewall – vor allem im Westen, aber auch in anderen Ländern – als Erfolgsstory erzählen. Von Entkriminalisierung über Diskriminierungsverbote bis zur Öffnung der Ehe, in vielen Ländern wurde viel erreicht. Die gesellschaftliche Akzeptanz ist – natürlich regional unterschiedlich stark – inzwischen groß. Darauf kann und muss man stolz sein.

Stillstand und Rückschritte

Aber trotz aller Fortschritte ist echte Gleichberechtigung noch ein weit entferntes Ziel. Die Suizidrate von queeren Jugendlichen ist immer noch bis zu fünfmal höher als die ihrer heterosexuellen Peers. Die Zahl der Gewaltverbrechen gegen LGBTIQ+-Menschen steigt. Deutschland braucht dringend ein zeitgemäßes Gesetz zur Anerkennung der selbstbestimmten Geschlechtsidentität. Und das eigentliche Ziel, eine Gesellschaft, in der Dinge wie ein Coming-out nicht mehr nötig sind, weil Heteronormativität endlich in der Mülltonne der Geschichte gelandet ist, bleibt wohl auch auf absehbare Zeit eine Utopie, für die wir kämpfen müssen.

Und in anderen Teilen der Welt ist die Lage auch nach einem halben Jahrhundert Kampf für Emanzipation noch schlechter: In Polen richten Nazis „LGBT-Ideologie-freie Zonen“ ein. In Ungarn wollen die Rechtsradikalen um Viktor Orban Transmenschen nicht mehr anerkennen. In Brasilien schürt Präsident Bolsonaro Homophobie und Hass gegen die Community. 

 

 

 

In den USA arbeitet die Trump-Regierung aktiv daran Transmenschen den Zugang zur Gesundheitsversorgung abzuschneiden. Und dann gibt es Länder in Afrika, im Nahen Osten, in Ostasien und Lateinamerika, in denen queeres Leben bis heute kriminalisiert wird, teilweise mit der Todesstrafe.

Das Stonewall Inn war 1969 vor allem ein Ort für die ärmsten und marginalisiertesten Mitglieder der Community: Butch Lesben, Femme Schwule, Drag Queens, Transmenschen, obdachlose queere Jugendliche und Prostituierte, Schwarze und Latinos. Diese Gruppen wurden damals schon von Teilen von vor allem weißen Schwulen und Lesben ausgegrenzt. Daran hat sich wenig geändert. Damals wie heute gibt es in der Community Probleme mit der Solidarität: Gegenüber Transmenschen. Gegenüber Bisexuellen. Gegenüber PoC. Gegenüber Menschen, die Verhaltens- oder Schönheitsidealen nicht entsprechen.

Das ist umso bitterer, weil es eben nicht weiße, straight-acting Schwule waren, die vor 51 Jahren auf die Straße gegangen sind. Zwei der wichtigsten Namen im Kontext der Aufstände, Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera waren PoC und trans. Wir stehen da, wo wir heute stehen, weil wir auf den Schultern solcher Giganten stehen. Und deshalb muss für die ganze Community gelten: Wer Gleichstellung von Heteros erwartet, muss sie auch nach innen leben. Wer glaubt, der Kampf gegen Rassismus, gegen Sexismus, gegen jede Form von Diskriminierung hätte nichts mit dem Kampf von LGBTIQ+-Menschen zu tun, der ist auf dem Holzweg. Deren Kampf ist unser Kampf.

Kriegt euren Arsch hoch

Pride ist mehr als Party. Pride ist etwas Hochpolitisches. Wir stehen im Jahr 2020 an einem Scheideweg: Entweder wir schaffen es den Push nach vorn, mit dem wir in den letzten Jahrzehnten so viel erkämpft haben, aufrecht zu erhalten. Oder wir erlahmen und werden erleben, wie viele der Errungenschaften seit Stonewall Stück für Stück in Gefahr geraten.

Wenn die privilegierteren Teile der Community ihren Arsch nicht hochkriegen, werden sie ein böses Erwachen erleben. Wer glaubt Zustände, wie in Polen oder Ungarn seien in Deutschland unmöglich, ist blind für die gesellschaftliche Realität. Die gleichen Kräfte planen auch hierzulande den Rollback.  Das eigentliche Vermächtnis von Stonewall ist, dass der Kampf um Gleichberechtigung für queere Menschen weitergeht.

Zur Person des Autors

Florian Burkhardt ist 28 Jahre alt, Bundesausschussdelegierter der Jusos Baden-Württemberg und stellvertretender SPD-Kreisvorsitzender in Tübingen.

Titelbild: Toni Reed on Unsplash

©2020

Kontra 2020

Vor 51 Jahren erhoben sich in New York queere Menschen gegen Polizeiwillkür und -gewalt.  Wo stehen wir 2020, nach einem halben Jahrhundert Kampf für die Emanzipation von LGBTIQ+-Menschen?

Von Florian Burkhardt

Heute vor 51 Jahren brachen in der New Yorker Christopher Street die Stonewall Riots aus. Repressalien der Polizei gegen die queere Community erreichten den Siedepunkt und ausgehend vom Stonewall Inn kam es bis zum 03. Juli zu spontanen, gewaltsamen Demonstrationen.

Die Stonewall Riots waren ein Wendepunkt. Nur sechs Monate nach den Unruhen hatten sich in New York zwei große politische Gruppen gegründet, die sich offen für die Gleichberechtigung und Sichtbarkeit von Schwulen und Lesben einsetzten und die Grundlage für viele spätere Liberalisierungen legten. Im Jahr danach fanden die ersten Pride-Demonstrationen in New York, San Francisco, Chicago, Los Angeles und anderen Städten statt, um an die Ausschreitungen zu erinnern. Binnen zwei Jahren nach den Stonewall Riots gab es Gruppen überall in den USA sowie in Kanada, Westeuropa, Australien und Neuseeland.

Corona hat dieses Jahr dazu geführt, dass die klassischen Pride- und CSD-Paraden nicht stattfinden werden. Vielleicht ist das ein guter Moment, um innezuhalten und sich ein halbes Jahrhundert nach Stonewall zu hinterfragen und zu reflektieren.

Denn einerseits lässt sich die Geschichte der Community seit Stonewall – vor allem im Westen, aber auch in anderen Ländern – als Erfolgsstory erzählen. Von Entkriminalisierung über Diskriminierungsverbote bis zur Öffnung der Ehe, in vielen Ländern wurde viel erreicht. Die gesellschaftliche Akzeptanz ist – natürlich regional unterschiedlich stark – inzwischen groß. Darauf kann und muss man stolz sein.

Stillstand und Rückschritte

Aber trotz aller Fortschritte ist echte Gleichberechtigung noch ein weit entferntes Ziel. Die Suizidrate von queeren Jugendlichen ist immer noch bis zu fünfmal höher als die ihrer heterosexuellen Peers. Die Zahl der Gewaltverbrechen gegen LGBTIQ+-Menschen steigt. Deutschland braucht dringend ein zeitgemäßes Gesetz zur Anerkennung der selbstbestimmten Geschlechtsidentität. Und das eigentliche Ziel, eine Gesellschaft, in der Dinge wie ein Coming-out nicht mehr nötig sind, weil Heteronormativität endlich in der Mülltonne der Geschichte gelandet ist, bleibt wohl auch auf absehbare Zeit eine Utopie, für die wir kämpfen müssen.

Und in anderen Teilen der Welt ist die Lage auch nach einem halben Jahrhundert Kampf für Emanzipation noch schlechter: In Polen richten Nazis „LGBT-Ideologie-freie Zonen“ ein. In Ungarn wollen die Rechtsradikalen um Viktor Orban Transmenschen nicht mehr anerkennen. In Brasilien schürt Präsident Bolsonaro Homophobie und Hass gegen die Community. In den USA arbeitet die Trump-Regierung aktiv daran Transmenschen den Zugang zur Gesundheitsversorgung abzuschneiden. Und dann gibt es Länder in Afrika, im Nahen Osten, in Ostasien und Lateinamerika, in denen queeres Leben bis heute kriminalisiert wird, teilweise mit der Todesstrafe.

Das Stonewall Inn war 1969 vor allem ein Ort für die ärmsten und marginalisiertesten Mitglieder der Community: Butch Lesben, Femme Schwule, Drag Queens, Transmenschen, obdachlose queere Jugendliche und Prostituierte, Schwarze und Latinos. Diese Gruppen wurden damals schon von Teilen von vor allem weißen Schwulen und Lesben ausgegrenzt. Daran hat sich wenig geändert. Damals wie heute gibt es in der Community Probleme mit der Solidarität: Gegenüber Transmenschen. Gegenüber Bisexuellen. Gegenüber PoC. Gegenüber Menschen, die Verhaltens- oder Schönheitsidealen nicht entsprechen.

Das ist umso bitterer, weil es eben nicht weiße, straight-acting Schwule waren, die vor 51 Jahren auf die Straße gegangen sind. Zwei der wichtigsten Namen im Kontext der Aufstände, Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera waren PoC und trans. Wir stehen da, wo wir heute stehen, weil wir auf den Schultern solcher Giganten stehen. Und deshalb muss für die ganze Community gelten: Wer Gleichstellung von Heteros erwartet, muss sie auch nach innen leben. Wer glaubt, der Kampf gegen Rassismus, gegen Sexismus, gegen jede Form von Diskriminierung hätte nichts mit dem Kampf von LGBTIQ+-Menschen zu tun, der ist auf dem Holzweg. Deren Kampf ist unser Kampf.

Kriegt euren Arsch hoch

Pride ist mehr als Party. Pride ist etwas Hochpolitisches. Wir stehen im Jahr 2020 an einem Scheideweg: Entweder wir schaffen es den Push nach vorn, mit dem wir in den letzten Jahrzehnten so viel erkämpft haben, aufrecht zu erhalten. Oder wir erlahmen und werden erleben, wie viele der Errungenschaften seit Stonewall Stück für Stück in Gefahr geraten.

Wenn die privilegierteren Teile der Community ihren Arsch nicht hochkriegen, werden sie ein böses Erwachen erleben. Wer glaubt Zustände, wie in Polen oder Ungarn seien in Deutschland unmöglich, ist blind für die gesellschaftliche Realität. Die gleichen Kräfte planen auch hierzulande den Rollback.  Das eigentliche Vermächtnis von Stonewall ist, dass der Kampf um Gleichberechtigung für queere Menschen weitergeht.

Zur Person des Autors

Florian Burkhardt ist 28 Jahre alt, Bundesausschussdelegierter der Jusos Baden-Württemberg und stellvertretender SPD-Kreisvorsitzender in Tübingen.

Titelbild: Toni Reed on Unsplash

©2020

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