Russlandversteher- und wieso wir welche werden sollten (Teil 1)

Russlandversteher- und wieso wir welche werden sollten (Teil 1)

Kontra 2020

In diesem neunen Mehrteiler setzt sich Julius Siebert mit der deutsch-russischen Beziehung auseinander und warum wir sie verbessern sollten. Heute Teil eins, mit einem Blick auf die Vergangenheit, unsere Beziehung zu Russland und wie wir in die aktuellen Situation gekommen sind. 

Von Julius Siebert, KV Ostalb 

Putins Verfassungsreferendum beweist, er ist gekommen um zu bleiben. Ob wir wollen oder nicht. Ebenso machen Geografie und Geschichte die Russen zu unserem östlichsten europäischen Nachbarn. Dennoch haben wir schon seit einem Jahrhundert schwierige Beziehungen zu Russland. Trotzdem ist es uns nie so richtig gelungen die Russen zu verstehen. Die Abstimmungen im UN-Sicherheitsrat zu Hilfslieferungen für Syrien zeigen aber, dass eine produktive Beziehung zu Russland, essenziell für die Sicherheit Europas und der Welt sind. Was müssen wir also über die Lage der Russen lernen, um zu einer besseren gemeinsamen Zukunft zu gelangen?

Der Schatten der Vergangenheit

Sobald sie Putins Gesicht in den Nachrichten sehen, stellen sich Almans die Frage, wie konnten die Russen den bloß wählen? Wie konnte es von Glasnost und Perestroika, Offenheit und Wandel, zu einem neo-nationalkonservativen Autokraten kommen?    

Für Russen, und auch viele andere osteuropäische Nationen, sind die 90er Jahre des Wandels keine Zeit des Sieges, der Freiheit, des Wohlstands. Niederlage, Unsicherheit, Arbeitslosigkeit, waren vorherrschend. Während im Westen nun eine Utopie von Weltfrieden in einer neoliberalen Weltordnung möglich schien, begann im Osten eine Zeit des Niedergangs. Die Supermacht Sowjetunion brach zusammen, gemeinsam mit der maroden Wirtschaft. Während Boygroups die Charts sprengten, wurden Hungersnöte in Teilen der ehemaligen Sowjetunion bittere Realität. Im Westen unvorstellbar. Das stolze Volk der Russen verlor damals alles. Auf materieller, als auch ideeller Seite. Man verlor die Vorherrschaft in Osteuropa und gab sie an den alten Feind die NATO ab.  In der Weltpolitik war man zunehmend unwichtig, wirtschaftlich und militärisch abgehängt, Außenpolitisch isoliert. Das ideologische Konzept eines sozialistischen Staates, für das man einen langen kalten Krieg geführt hatte, war obsolet. Die Büros in welchen früher der neuste Fünfjahresplan gemacht wurde, wurden von Managern aus den USA besetzt. Sie hatten den Auftrag das Land mit einem kompromisslosen Marktradikalismus auf Kurs zu bringen. Dass dies nicht erfolgreich war ist selbsterklärend. Bis heute gibt in Russland keinen verhassteren Politiker als den ersten demokratisch gewählten Boris Jelzin. Mit dem im Westen geliebten Friedensnobelpreisträger Michail Gorbatschow auf einem dicht folgenden zweiten Platz.

In dieser Zeit machte Putin ein Versprechen. Er würde den Bürgern Sicherheit bei den nötigsten materiellen Dingen bieten und gleichzeitig das alte Ansehen, zurückgewinnen. Hierfür müsse er das Land von der liberalen westlichen Ideologie befreien, die das Land ruiniert hätte. Putin hielt sein Versprechen. In den 2000er Jahren handelte Wirtschaftsabkommen in Europa und China aus und die Wirtschaft erholte sich. So konnte er populäre sozialpolitische Geschenke und höhere Militärausgaben finanzieren. Militärisch war die Invasion der Ostukraine 2014 und die Annektion der Krim das Sahnehäubchen der bisherigen politischen Laufbahn. Ebenso wie Putin ist Annektierung im russischen Volk und der Diaspora hochbeliebt. Verstanden werden diese Ereignisse als Schritt das zurückzuholen, was historisch und kulturell, sowieso russisch ist. 

 


Es sei eine 
Befreiung der mehrheitlich russischen Bevölkerung von der Fremdherrschaft. In Osteuropa und dem Baltikum löste dieser Schritt verständlicherweise große Besorgnis aus. In den meisten Staaten stellen Russen die größte Minderheit. Außerdem haben viele Regionen historisch unter russischer Herrschaft gestanden. Viele Russen sehen darin die Begründung, selbst die ukrainische Hauptstadt Kiew, als russisch zu bezeichnen. Die Vergangenheit wirft in Osteuropa weiterhin lange Schatten und Putin ist einer davon.

Eine Unabhängigkeitserklärung

Letztes Jahr gelangten in der zeitgenössischen osteuropäischen Forschung die Arbeiten des angesehenen Bulgarischen Politologen Ivan Krastev und dem Experten für Rechtsstaatlichkeit Stephen Holmes einiges an Beachtung. Ihrer Meinung nach sind die Ursprünge der aktuellen autoritären Trends in Osteuropa in den Umwälzungen der 90er zu suchen.

Der Westen verschrieb den ehemaligen sozialistischen Diktaturen, Liberalismus zweierlei Art, ökonomischer und gesellschaftlicher Liberalismus. Dieser wurde in Osteuropa gierig aufgenommen. Es lockten Demokratie, Freiheit und ganz wichtig wirtschaftlicher Aufschwung. Es wurde eine „Nachahmungspolitik“ eingeführt. Man versuche alles was im Westen funktioniert direkt auf den Osten zu übertragen. Durch die plötzliche Einführung eines Turbo Kapitalismus gingen tausende Staatsbetriebe pleite und Millionen verloren ihre Jobs. Erst Anfang der 2000er sollte sich die wirtschaftliche Lage stabilisieren. Massive Investitionen ausländischer Industriebetriebe wurden von gut ausgebildeten, billigen Arbeitskräften angelockt und große natürliche Ressourcen brachten Oligarchen Milliarden ein. Eine späte Ernte wurde eingefahren.

Zu spät jedoch um das Image des westlichen Liberalismus zu retten. Aufsteigende Populisten wie Orban oder Putin nutzen das ideologische Vakuum, dass der Sozialismus hinterließ und füllten es mit Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit. Das heutige Osteuropa hat insbesondere eines aus dieser Zeit gelernt: Nimm keine Ratschläge aus dem Westen an, es führt für dich nur zu Leid und Armut. Mach dein eigenes Ding. Von nun an würde man sich nicht länger die Politik aus dem Westen diktieren lassen. Dies war das Ende der Nachahmungspolitik. Der sowjetische Vielvölkerstaat und die kapitalistische Globalisierung hatten beide Internationalismus gepredigt und gebracht hatten sie nichts als Leid. Nur der ethnisch homogene, volkssouveräne Nationalstaat habe für Wohlstand und Sicherheit gesorgt.

An dieser Stelle tun sich die offensichtlichen Punkte auf, wo Deutschland und Russland grundlegend verschiedene Positionen vertreten. Das Grundgesetz muss Maßstab jeder deutschen Politik sein. Sowohl im Inland, als auch im Ausland. Und wenn Artikel 3 GG besagt „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden“, dann muss Deutschland weiterhin mit dem Finger auf die Diskriminierung in Russland zeigen. Gesetze die es erlauben Frauen innerhalb der Ehe aufs Heftigste zu verprügeln müssen von Deutschland scharf verurteilt werden. Selbiges gilt für die Verfolgung und Intoleranz gegenüber Schwulen, Lesben, Bi,-Trans- und Intersexuellen.

©2020

Kontra 2020

In diesem neunen Mehrteiler setzt sich Julius Siebert mit der deutsch-russischen Beziehung auseinander und warum wir sie verbessern sollten. Heute Teil eins, mit einem Blick auf die Vergangenheit, unsere Beziehung zu Russland und wie wir in die aktuellen Situation gekommen sind. 

Von Julius Siebert, KV Ostalb 

Putins Verfassungsreferendum beweist, er ist gekommen um zu bleiben. Ob wir wollen oder nicht. Ebenso machen Geografie und Geschichte die Russen zu unserem östlichsten europäischen Nachbarn. Dennoch haben wir schon seit einem Jahrhundert schwierige Beziehungen zu Russland. Trotzdem ist es uns nie so richtig gelungen die Russen zu verstehen. Die Abstimmungen im UN-Sicherheitsrat zu Hilfslieferungen für Syrien zeigen aber, dass eine produktive Beziehung zu Russland, essenziell für die Sicherheit Europas und der Welt sind. Was müssen wir also über die Lage der Russen lernen, um zu einer besseren gemeinsamen Zukunft zu gelangen?

Der Schatten der Vergangenheit

Sobald sie Putins Gesicht in den Nachrichten sehen, stellen sich Almans die Frage, wie konnten die Russen den bloß wählen? Wie konnte es von Glasnost und Perestroika, Offenheit und Wandel, zu einem neo-nationalkonservativen Autokraten kommen?    

Für Russen, und auch viele andere osteuropäische Nationen, sind die 90er Jahre des Wandels keine Zeit des Sieges, der Freiheit, des Wohlstands. Niederlage, Unsicherheit, Arbeitslosigkeit, waren vorherrschend. Während im Westen nun eine Utopie von Weltfrieden in einer neoliberalen Weltordnung möglich schien, begann im Osten eine Zeit des Niedergangs. Die Supermacht Sowjetunion brach zusammen, gemeinsam mit der maroden Wirtschaft. Während Boygroups die Charts sprengten, wurden Hungersnöte in Teilen der ehemaligen Sowjetunion bittere Realität. Im Westen unvorstellbar. Das stolze Volk der Russen verlor damals alles. Auf materieller, als auch ideeller Seite. Man verlor die Vorherrschaft in Osteuropa und gab sie an den alten Feind die NATO ab.  In der Weltpolitik war man zunehmend unwichtig, wirtschaftlich und militärisch abgehängt, Außenpolitisch isoliert. Das ideologische Konzept eines sozialistischen Staates, für das man einen langen kalten Krieg geführt hatte, war obsolet. Die Büros in welchen früher der neuste Fünfjahresplan gemacht wurde, wurden von Managern aus den USA besetzt. Sie hatten den Auftrag das Land mit einem kompromisslosen Marktradikalismus auf Kurs zu bringen. Dass dies nicht erfolgreich war ist selbsterklärend. Bis heute gibt in Russland keinen verhassteren Politiker als den ersten demokratisch gewählten Boris Jelzin. Mit dem im Westen geliebten Friedensnobelpreisträger Michail Gorbatschow auf einem dicht folgenden zweiten Platz.

In dieser Zeit machte Putin ein Versprechen. Er würde den Bürgern Sicherheit bei den nötigsten materiellen Dingen bieten und gleichzeitig das alte Ansehen, zurückgewinnen. Hierfür müsse er das Land von der liberalen westlichen Ideologie befreien, die das Land ruiniert hätte. Putin hielt sein Versprechen. In den 2000er Jahren handelte Wirtschaftsabkommen in Europa und China aus und die Wirtschaft erholte sich. So konnte er populäre sozialpolitische Geschenke und höhere Militärausgaben finanzieren. Militärisch war die Invasion der Ostukraine 2014 und die Annektion der Krim das Sahnehäubchen der bisherigen politischen Laufbahn. Ebenso wie Putin ist Annektierung im russischen Volk und der Diaspora hochbeliebt. 

 

 

 


Verstanden werden diese Ereignisse als Schritt das zurückzuholen, was historisch und kulturell, sowieso russisch ist. 
Es sei eine Befreiung der mehrheitlich russischen Bevölkerung von der Fremdherrschaft. In Osteuropa und dem Baltikum löste dieser Schritt verständlicherweise große Besorgnis aus. In den meisten Staaten stellen Russen die größte Minderheit. Außerdem haben viele Regionen historisch unter russischer Herrschaft gestanden. Viele Russen sehen darin die Begründung, selbst die ukrainische Hauptstadt Kiew, als russisch zu bezeichnen. Die Vergangenheit wirft in Osteuropa weiterhin lange Schatten und Putin ist einer davon.

Eine Unabhängigkeitserklärung

Letztes Jahr gelangten in der zeitgenössischen osteuropäischen Forschung die Arbeiten des angesehenen Bulgarischen Politologen Ivan Krastev und dem Experten für Rechtsstaatlichkeit Stephen Holmes einiges an Beachtung. Ihrer Meinung nach sind die Ursprünge der aktuellen autoritären Trends in Osteuropa in den Umwälzungen der 90er zu suchen.

Der Westen verschrieb den ehemaligen sozialistischen Diktaturen, Liberalismus zweierlei Art, ökonomischer und gesellschaftlicher Liberalismus. Dieser wurde in Osteuropa gierig aufgenommen. Es lockten Demokratie, Freiheit und ganz wichtig wirtschaftlicher Aufschwung. Es wurde eine „Nachahmungspolitik“ eingeführt. Man versuche alles was im Westen funktioniert direkt auf den Osten zu übertragen. Durch die plötzliche Einführung eines Turbo Kapitalismus gingen tausende Staatsbetriebe pleite und Millionen verloren ihre Jobs. Erst Anfang der 2000er sollte sich die wirtschaftliche Lage stabilisieren. Massive Investitionen ausländischer Industriebetriebe wurden von gut ausgebildeten, billigen Arbeitskräften angelockt und große natürliche Ressourcen brachten Oligarchen Milliarden ein. Eine späte Ernte wurde eingefahren.

Zu spät jedoch um das Image des westlichen Liberalismus zu retten. Aufsteigende Populisten wie Orban oder Putin nutzen das ideologische Vakuum, dass der Sozialismus hinterließ und füllten es mit Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit. Das heutige Osteuropa hat insbesondere eines aus dieser Zeit gelernt: Nimm keine Ratschläge aus dem Westen an, es führt für dich nur zu Leid und Armut. Mach dein eigenes Ding. Von nun an würde man sich nicht länger die Politik aus dem Westen diktieren lassen. Dies war das Ende der Nachahmungspolitik. Der sowjetische Vielvölkerstaat und die kapitalistische Globalisierung hatten beide Internationalismus gepredigt und gebracht hatten sie nichts als Leid. Nur der ethnisch homogene, volkssouveräne Nationalstaat habe für Wohlstand und Sicherheit gesorgt.

An dieser Stelle tun sich die offensichtlichen Punkte auf, wo Deutschland und Russland grundlegend verschiedene Positionen vertreten. Das Grundgesetz muss Maßstab jeder deutschen Politik sein. Sowohl im Inland, als auch im Ausland. Und wenn Artikel 3 GG besagt „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden“, dann muss Deutschland weiterhin mit dem Finger auf die Diskriminierung in Russland zeigen. Gesetze die es erlauben Frauen innerhalb der Ehe aufs Heftigste zu verprügeln müssen von Deutschland scharf verurteilt werden. Selbiges gilt für die Verfolgung und Intoleranz gegenüber Schwulen, Lesben, Bi,-Trans- und Intersexuellen.

©2020

Kontra 2020

In diesem neunen Mehrteiler setzt sich Julius Siebert mit der deutsch-russischen Beziehung auseinander und warum wir sie verbessern sollten. Heute Teil eins, mit einem Blick auf die Vergangenheit, unsere Beziehung zu Russland und wie wir in die aktuellen Situation gekommen sind. 

Von Julius Siebert, KV Ostalb 

Putins Verfassungsreferendum beweist, er ist gekommen um zu bleiben. Ob wir wollen oder nicht. Ebenso machen Geografie und Geschichte die Russen zu unserem östlichsten europäischen Nachbarn. Dennoch haben wir schon seit einem Jahrhundert schwierige Beziehungen zu Russland. Trotzdem ist es uns nie so richtig gelungen die Russen zu verstehen. Die Abstimmungen im UN-Sicherheitsrat zu Hilfslieferungen für Syrien zeigen aber, dass eine produktive Beziehung zu Russland, essenziell für die Sicherheit Europas und der Welt sind. Was müssen wir also über die Lage der Russen lernen, um zu einer besseren gemeinsamen Zukunft zu gelangen?

Der Schatten der Vergangenheit

Sobald sie Putins Gesicht in den Nachrichten sehen, stellen sich Almans die Frage, wie konnten die Russen den bloß wählen? Wie konnte es von Glasnost und Perestroika, Offenheit und Wandel, zu einem neo-nationalkonservativen Autokraten kommen?    

Für Russen, und auch viele andere osteuropäische Nationen, sind die 90er Jahre des Wandels keine Zeit des Sieges, der Freiheit, des Wohlstands. Niederlage, Unsicherheit, Arbeitslosigkeit, waren vorherrschend. Während im Westen nun eine Utopie von Weltfrieden in einer neoliberalen Weltordnung möglich schien, begann im Osten eine Zeit des Niedergangs. Die Supermacht Sowjetunion brach zusammen, gemeinsam mit der maroden Wirtschaft. Während Boygroups die Charts sprengten, wurden Hungersnöte in Teilen der ehemaligen Sowjetunion bittere Realität. Im Westen unvorstellbar. Das stolze Volk der Russen verlor damals alles. Auf materieller, als auch ideeller Seite. Man verlor die Vorherrschaft in Osteuropa und gab sie an den alten Feind die NATO ab.  In der Weltpolitik war man zunehmend unwichtig, wirtschaftlich und militärisch abgehängt, Außenpolitisch isoliert. Das ideologische Konzept eines sozialistischen Staates, für das man einen langen kalten Krieg geführt hatte, war obsolet. Die Büros in welchen früher der neuste Fünfjahresplan gemacht wurde, wurden von Managern aus den USA besetzt. Sie hatten den Auftrag das Land mit einem kompromisslosen Marktradikalismus auf Kurs zu bringen. Dass dies nicht erfolgreich war ist selbsterklärend. Bis heute gibt in Russland keinen verhassteren Politiker als den ersten demokratisch gewählten Boris Jelzin. Mit dem im Westen geliebten Friedensnobelpreisträger Michail Gorbatschow auf einem dicht folgenden zweiten Platz.

In dieser Zeit machte Putin ein Versprechen. Er würde den Bürgern Sicherheit bei den nötigsten materiellen Dingen bieten und gleichzeitig das alte Ansehen, zurückgewinnen. Hierfür müsse er das Land von der liberalen westlichen Ideologie befreien, die das Land ruiniert hätte. Putin hielt sein Versprechen. In den 2000er Jahren handelte Wirtschaftsabkommen in Europa und China aus und die Wirtschaft erholte sich. So konnte er populäre sozialpolitische Geschenke und höhere Militärausgaben finanzieren. Militärisch war die Invasion der Ostukraine 2014 und die Annektion der Krim das Sahnehäubchen der bisherigen politischen Laufbahn. Ebenso wie Putin ist Annektierung im russischen Volk und der Diaspora hochbeliebt. Verstanden werden diese Ereignisse als Schritt das zurückzuholen, was historisch und kulturell, sowieso russisch ist. Es sei eine Befreiung der mehrheitlich russischen Bevölkerung von der Fremdherrschaft. In Osteuropa und dem Baltikum löste dieser Schritt verständlicherweise große Besorgnis aus. In den meisten Staaten stellen Russen die größte Minderheit. Außerdem haben viele Regionen historisch unter russischer Herrschaft gestanden. Viele Russen sehen darin die Begründung, selbst die ukrainische Hauptstadt Kiew, als russisch zu bezeichnen. Die Vergangenheit wirft in Osteuropa weiterhin lange Schatten und Putin ist einer davon.

Eine Unabhängigkeitserklärung

Letztes Jahr gelangten in der zeitgenössischen osteuropäischen Forschung die Arbeiten des angesehenen Bulgarischen Politologen Ivan Krastev und dem Experten für Rechtsstaatlichkeit Stephen Holmes einiges an Beachtung. Ihrer Meinung nach sind die Ursprünge der aktuellen autoritären Trends in Osteuropa in den Umwälzungen der 90er zu suchen.

Der Westen verschrieb den ehemaligen sozialistischen Diktaturen, Liberalismus zweierlei Art, ökonomischer und gesellschaftlicher Liberalismus. Dieser wurde in Osteuropa gierig aufgenommen. Es lockten Demokratie, Freiheit und ganz wichtig wirtschaftlicher Aufschwung. Es wurde eine „Nachahmungspolitik“ eingeführt. Man versuche alles was im Westen funktioniert direkt auf den Osten zu übertragen. Durch die plötzliche Einführung eines Turbo Kapitalismus gingen tausende Staatsbetriebe pleite und Millionen verloren ihre Jobs. Erst Anfang der 2000er sollte sich die wirtschaftliche Lage stabilisieren. Massive Investitionen ausländischer Industriebetriebe wurden von gut ausgebildeten, billigen Arbeitskräften angelockt und große natürliche Ressourcen brachten Oligarchen Milliarden ein. Eine späte Ernte wurde eingefahren.

Zu spät jedoch um das Image des westlichen Liberalismus zu retten. Aufsteigende Populisten wie Orban oder Putin nutzen das ideologische Vakuum, dass der Sozialismus hinterließ und füllten es mit Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit. Das heutige Osteuropa hat insbesondere eines aus dieser Zeit gelernt: Nimm keine Ratschläge aus dem Westen an, es führt für dich nur zu Leid und Armut. Mach dein eigenes Ding. Von nun an würde man sich nicht länger die Politik aus dem Westen diktieren lassen. Dies war das Ende der Nachahmungspolitik. Der sowjetische Vielvölkerstaat und die kapitalistische Globalisierung hatten beide Internationalismus gepredigt und gebracht hatten sie nichts als Leid. Nur der ethnisch homogene, volkssouveräne Nationalstaat habe für Wohlstand und Sicherheit gesorgt.

An dieser Stelle tun sich die offensichtlichen Punkte auf, wo Deutschland und Russland grundlegend verschiedene Positionen vertreten. Das Grundgesetz muss Maßstab jeder deutschen Politik sein. Sowohl im Inland, als auch im Ausland. Und wenn Artikel 3 GG besagt „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden“, dann muss Deutschland weiterhin mit dem Finger auf die Diskriminierung in Russland zeigen. Gesetze die es erlauben Frauen innerhalb der Ehe aufs Heftigste zu verprügeln müssen von Deutschland scharf verurteilt werden. Selbiges gilt für die Verfolgung und Intoleranz gegenüber Schwulen, Lesben, Bi,-Trans- und Intersexuellen.

©2020