Schulen der Zukunft

Schulen der Zukunft

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Kontra 2020

von  Luca Baumann, KV Bodensee 

In der Bildungspolitik will jede und jeder mitreden. Schließlich sind alle einmal selbst zur Schule gegangen, viele haben zudem Kinder, die aktuell die Schule besuchen. Das macht bildungspolitische Fragen auf der einen Seite besonders interessant – auf der anderen Seite aber auch zu vermintem Gelände. Gerade als Jusos dürfen wir uns aber nicht vor Kontroversen scheuen. Wir müssen Antworten liefern auf dringende Probleme und zugleich eine Vision haben, auf die wir hinarbeiten. Wir brauchen eine konkrete Vorstellung davon, wie unsere Schulen in 20 Jahren aussehen sollen.

Mehrgliedrige Schulsysteme produzieren Ungerechtigkeiten

Es ist wohl einer der empirisch am besten nachgewiesenen Befunde: soziale Herkunft und schulischer Erfolg korrelieren in Deutschland wie in kaum einem anderen Land der Welt. Das liegt vor allem an der „frühen Aufteilung auf verschiedene Schultypen nach (vermeintlichen) Leistungskriterien“, wie die PISA-Studie 2018 festhält. Dabei geht es nicht darum, dass einige SchülerInnen die Bedingungen besser nutzen können als andere. Es gibt institutionelle Unterschiede in Form unterschiedlicher Lehrpläne, Unterrichtskulturen, Stundentafeln und Traditionen der Lehrkräftebildung. Studien zeigen, dass zentrale Kriterien der Unterrichtsqualität wie Klassenführung und kognitive Aktivierung in Haupt- und Realschulen weitaus schlechter sind als an Gymnasien – nicht wegen den Lehrkräften, sondern den schulischen Rahmenbedingungen. Dazu kommen dann auch noch sogenannte ‚Kompositionseffekt‘: am Gymnasium sind mehr Kinder, deren Eltern Abitur haben, in deren Familien Deutsch gesprochen wird und die einen hohen sozio-ökonomischen Standard besitzen. Besonders gravierend ist das, weil sich Institutions- und Kompositionseffekte verstärken. Gymnasien kommen mit einer heterogenen Schülerschaft aus bildungsferneren Elternhäusern weitaus besser zurecht als Hauptschulen.

Mehrgliedrige Schulsysteme basieren auf der Idee, SchülerInnen in Leistungsgruppen einzuteilen. Diese ‚Homogenisierung‘, um in entsprechenden Klassen guten Unterricht halten zu können, ist bei genauerer Betrachtung aber fehlerhaft. Wenn manche Gymnasien und Hauptschulen Realschulniveau haben und manche Realschulen Hauptschul- oder Gymnasialniveau, verliert ein mehrgliedriges Schulsystem seine Legitimationsgrundlage – denn warum sollte man noch einteilen, wenn die Einteilung ohnehin misslingt und Bildungsungerechtigkeiten produziert?

Gemeinschaft statt Trennung

Schon in der Weimarer Republik gab es sozialdemokratische Bestrebungen zu einer Art Gemeinschaftsschule, die nur durch den Schulfrieden zum Erliegen kamen. Man muss den Schulfrieden nicht gleich aufkündigen, aber die Frage nach der Angemessenheit einer Schulstruktur, die sich seit 100 Jahren kaum verändert hat, stellt sich durchaus. Nicht nur, weil das mehrgliedrige Schulsystem erhebliche Mängel aufweist und Ungerechtigkeiten produziert, sondern auch, weil die Gemeinschaftsschule eine Reihe von Vorteilen bereithält. Sie ermöglicht individualisierte Lernprozesse, die nicht nur für die Schwächsten, sondern auch die Begabtesten enorme Chancen bieten. Wer von Begabtenförderung spricht, kann von Gemeinschaftsschulen nicht schweigen. Zudem sind sie finanziell effizienter und ermöglichen es, in Zeiten der Landflucht auch im ländlichen Raum eine gute und umfassende Schulversorgung zu gewährleisten. Inklusion gehört darüber hinaus nicht nur zu ihrem Leitbild, sondern wird fast nur hier aktiv praktiziert. Und gerade Gemeinschaftsschulen scheinen mit der Coronakrise besonders gut zurechtzukommen, weil eigenständige Lernprozesse im Vordergrund stehen.

Eine Schule für alle oder ein Zwei-Säulen-Modell?

Die Schlussfolgerung liegt nahe, Gemeinschaftsschulen flächendeckend einzuführen und sich von einem mehrgliedrigen Schulsystem zu verabschieden. Schließlich passt die Vision einer ‚Schule für alle‘ bestens zu unserer Vorstellung einer vielfältigen, egalitären, inklusiven Gesellschaft. Und als Vision ist sie auch von enormer Bedeutung. Man kann aber weder politische Mehrheiten noch gesellschaftliche Stimmungen leugnen – und diese sind, auch innerhalb unserer Partei, nicht ausschließlich gemeinschaftsschulfreundlich. Es geht mir nicht darum, dass wir uns vom Idealbild ‚eine Schule für alle‘ verabschieden, sondern vielmehr um konkrete Verbesserungen, die wir erstreiten müssen und mit denen wir uns Schritt für Schritt unserer Vision nähern. Nicht umsonst hat der Tübinger Bildungswissenschaftler Thorsten Bohl, durchaus ein Sympathisant der Gemeinschaftsschule, ein sogenanntes Zwei-Säulen-Modell gefordert. Es gibt dann neben den Gymnasien auch Gemeinschaftsschulen, die flächendeckend einen Weg zum Abitur anbieten (was momentan nur vier Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg dürfen). In Gemeinschaftsschulen kann dann nach 9 Jahren, in Gymnasien nach 8 Jahren das Abitur abgelegt werden. Dadurch vereinheitlichen wir unseren bildungspolitischen Flickenteppich eines fünfgliedrigen Schulsystems, am besten gleich heute und nicht erst übermorgen.

Von heute auf morgen aber auch das Gymnasium abzuschaffen, wird politisch weder möglich noch von Erfolg gekrönt sein. Visionen werden nicht durch Revolutionen, sondern konkrete Veränderungen erreicht. Es gilt zunächst, die Voraussetzungen für erfolgreiche Gemeinschaftsschulen zu schaffen: gesellschaftliche Akzeptanz, Infrastruktur, Entwicklungsperspektiven und gut ausgebildete Lehrkräfte. Dazu gehört auch, dass wir die Gemeinschaftsschulen stärker in das universitäre Lehramtsstudium integrieren. Eine gemeinsame Ausbildung der Lehrkräfte ist ebenso notwendig, in einem ersten Schritt beispielsweise in Form eines allgemeinen Bachelors und eines schulartspezifischen Masters.

Lehrkräfte, Lehrkräfte, Lehrkräfte

Noch wichtiger als institutionelle Diskussionen sind unsere LehrerInnen. Und gerade sie fehlen an den Schulen zunehmend. Besonders betroffen sind die Grundschulen. Guten Unterricht aber kann es nur geben, wenn er überhaupt stattfindet. Dafür gilt es nicht nur, mehr Studienplätze zu schaffen, sondern besonders in der Grundschule für eine bessere Bezahlung (A13) zu sorgen und die Bedarfsplanung zu erhöhen. Nicht 100%, sondern 106% Personal- bzw. Unterrichtsabdeckung werden benötigt. Nur so kann den stetig neuen Anforderungen an Lehrkräfte begegnet werden. Diese Anforderungen sind durchaus berechtigt, aber die einzelnen Lehrkräfte dürfen nicht überlastet werden. Vielmehr müssen wir ihnen die Möglichkeit geben, guten Unterricht zu gestalten und im Team zu arbeiten. Das ist auch eine Frage der Bildungsgerechtigkeit: Gerade die Kinder, die am stärksten auf den Unterricht angewiesen sind und die professionellsten PädagogInnen bräuchten, sind besonders betroffen. Studien zeigen, dass in sozialen Brennpunkten Unterricht überproportional häufig ausfällt und überdurchschnittlich viele QuereinsteigerInnen arbeiten. Die Kinder in den Villenvierteln betrifft das kaum.

Mehr Sprachen, aber kaum Chancen

Zu diesen neuen Herausforderungen zählen auch Mehrsprachigkeit und Sprachförderung. Die schlechteren PISA-Ergebnisse sind vor allem auf Kinder mit Migrationshintergrund und einer anderen Erstsprache zurückzuführen. Diese Differenzierung ist besonders wichtig, weil Migrationshintergrund wiederum eng mit einem niedrigen sozio-ökonomischen Standard korreliert. Diese Kinder werden also doppelt benachteiligt. In einer Welt, die immer globalisierter, und einer Gesellschaft, die immer vielfältiger wird, gehört das Thema Sprachförderung ins Zentrum der Bildungspolitik. Ich habe deshalb in meinem KONTRA-Artikel „Zwei Sprachen, keine Chancen“ bereits erste Vorschläge für eine sprachsensible Schule und Gesellschaft gemacht.

Digitalisierung – mehr als ein Smartboard im Klassenzimmer

Von einer verstärkten Sprachförderung profitieren im Endeffekt alle SchülerInnen. Das gleiche gilt für die Digitalisierung. Der Digitalpakt war hierfür ein wichtiger Schritt, allerdings wurde bisher nur ein Bruchteil der Fördersummen überhaupt abgerufen. Auf den ersten Blick scheint sich das jetzt in der Coronakrise zu rächen. Es ist aber nicht die digitale Ausstattung der Schulen, sondern es sind digitale Unterrichtskonzepte, deren Fehlen jetzt schmerzlich vermisst wird. Wir müssen aus der Coronakrise lernen, dass Digitalisierung weder damit erreicht ist, dass im Klassenzimmer ein Smartboard steht, noch durch ein neues Fach ‚Medienbildung‘ oder flächendeckenden Informatikunterricht. Wirkliche Digitalisierung heißt digitaler Unterricht auch außerhalb des Klassenzimmers. Dazu zählen zum einen Lehr-Lern-Plattformen wie Ella, die Kultusministerien Susanne Eisenmann mustergültig an die Wand gefahren hat. Zum anderen gar nicht so neue Unterrichtsmodelle wie ‚Flip the classroom‘, bei denen sich die SchülerInnen zu neuem Lernstoff Erklärvideos zu Hause ansehen und dann im Unterricht die passenden Übungen gemacht werden. In Fächern wie Deutsch ist das schon bisher gängige Praxis, statt dem Erklärvideo kommt hier jedoch der Text zum Einsatz. Die Vorteile bei Modellen wie ‚Flip the classroom‘ sind vielfältig. SchülerInnen können ihr Lerntempo selbst bestimmen, indem sie das Video stoppen oder sich eine Passage nochmals anschauen. Lehrkräfte haben im Unterricht Zeit für die Übungen, können die Kinder unterstützen und Verständnisfragen, die eben meistens bei der ‚praktischen Arbeit‘ auftreten, sogleich klären. Damit wird auch das Elternhaus irrelevanter, weil für Lernvideos, im Gegensatz zu Hausaufgaben, die Unterstützung von Mama und Papa nicht entscheidend ist. Und natürlich würden es solche Modelle ermöglichen, in Krisensituationen Unterricht fast ohne Einschränkungen fortzuführen. Für all das braucht es aber vor allem den Willen der Politik und nicht die Aufopferungsbereitschaft einzelner Lehrkräfte.

Ungerechtigkeiten gibt es immer dort, wo etwas auch anders sein könnte. Das gilt für die Bildungspolitik ganz besonders. Lehrkräftemangel, mehrgliedriges Schulsystem und der Einfluss des Elternhauses sind keine Naturgesetze. Weder Albert Einstein noch Isaac Newton haben sie aufgestellt. Wir brauchen keine Angst davor zu haben, Dinge zu verändern. Unser Bildungssystem fordert uns vielmehr dazu heraus.

Zur Person des Autors 

Luca Baumann ist stellv. Juso-Landesvorsitzender und Lehramtsstudent.

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