Und plötzlich redet niemand mehr darüber

Immer mal wieder leuchtet das Thema Pflege auf der politischen Landschaft auf und jedes Mal betonen Alle, wie wichtig es doch sei. Aber diese Aufmerksamkeit schwindet immer schon nach nur ein paar Wochen – und nichts passiert. Das kritisiert Sascha Brüning in seinem Gastbeitrag und ruft auch die Jusos dazu auf, sich mehr mit der Pflege zu beschäftigen.

Der Umgang mit dem Thema Pflege in Deutschland ähnelt dem Verhalten der Familie bei einer Beerdigung: Es ist ja so schade, dass man sich immer nur bei solchen Anlässen sieht, man müsste sich ja unbedingt auch mal wieder so treffen und was machen. Und dabei bleibt es. Bis zur nächsten Beerdigung, wo dann das ganze wieder von vorne beginnt. Jede*r weiß, dass das Thema Pflege ein Thema ist, das Deutschland unter den Nägeln brennt. Wenn ein Alexander Jorde einen kurzzeitigen Hype auslöst oder das Thema zu Wahlkampfzwecken wieder aus der Mottenkiste hervorgeholt wird, ist jede*r Feuer und Flamme was zu ändern. Sobald der Hype oder Wahlkampf vorbei ist, ist wieder alles Andere wichtiger, eine inhaltliche Auseinandersetzung findet nicht mehr statt. Zugegeben: Das Thema Pflege ist nicht sexy. Aber notwendig. Und die Lage ist prekär: So sind Stellen in der Pflege mittlerweile im Durchschnitt über ein halbes Jahr nach Ausschreibung noch immer nicht besetzt. Jede Pflegekraft, die ihren Job wechselt, löst eine Abwärtsspirale aus Mehrarbeit, Überforderung und Aufgabe bei den KollegInnen aus. Die Folge: Weitere Kündigungen, die neue Spiralen eröffnen. Daraus entstehen Löcher in der Personaldecke, die so gut wie nicht mehr gestopft werden können. Auf Bundesebene klafft die Schere (beschleunigt durch den demographischen Wandel) zwischen Bedarf und Bestand immer weiter auseinander: Die Zahl der Pflegebedürftigen (min. 3,5 Millionen bis 2030) nimmt stark zu, während zu wenige berufstätige Pflegekräfte nachrücken. Hinzu kommt: Schon heute hat die Hälfte aller pflegenden Fachkräfte ein Alter von über 40 Jahren erreicht. Konkret bedeutet das: Wenn der demographische Wandel zwischen 2030 und 2045 seinen (vorläufigen) Höhepunkt erreicht, gehen die Hälfte aller derzeitigen Pflegekräfte in ihren (mehr als verdienten) Ruhestand. Die Bertelsmann-Stiftung geht von einem Fachkräftebedarf bis 2030 von mindestens 500 000 Vollzeitkräften aus, „wenn sich die derzeitigen Trends fortsetzen“.

Mit der neuen generalistischen Pflegeausbildung und der (wahrscheinlichen) Einführung einer Pflegekammer werden, besonders der Altenpflege, weitere schwere Steine in den Weg gelegt und die Fachkräfte in Baden-Württemberg auch noch dafür bestraft, dass sie einen Job machen, den scheinbar keiner machen will. Das hat nichts mit der so häufig beschworenen Würde oder auch nichts mit Solidarität zu tun. Hier geht es um das nackte Überleben einer ganzen Branche und ihrer Schutzbefohlenen auf der einen Seite und der reinen Profitgier von manchen auf der anderen Seite. Es läuft gewaltig etwas schief, wenn Krankenkassen jährlich Milliardenrücklagen bilden und trotzdem jede zweite ärztliche Verordnung abgelehnt wird. Pflegebedürftige müssen oft Monate lang auf ihre Einstufungen warten, immer mehr Medikamente aus eigener Tasche bezahlen, während private Pflegeheime als Spekulationsobjekte gehandelt werden. 

Schade ist auch, wie wir als Jusos Baden-Württemberg mit dem Thema umgehen: Von zwei Anträgen bei der LDK 2018 in RaBaBa wurde nur der weniger umfangreiche Antrag behandelt und angenommen. Das ist eine äußerst magere Ausbeute in dem Arbeitsjahr, in dem man sich nach der Bundestagswahl und erneuten Regierungsbeteiligung um die inhaltliche Fundierung der Wahlkampfparolen Gedanken hätte machen müssen. 

Wir haben uns von je her soziale Gerechtigkeit auf die Fahne geschrieben. Erwarten wir wirklich das ein CDU-geführtes Gesundheitsministerium die richtigen Antworten gibt? Dieses Thema ist ein zutiefst sozialdemokratisches und WIR müssen uns ihm annehmen. WIR sind die Zukunft, nicht nur für uns und die Jugendlichen in diesem Land, sondern auch für unsere Eltern und Großeltern. Das sind wir ihnen schuldig. Und zwar besser gestern als heute.

Titelbild: ©Thomas Lehmann, ÖGB https://www.flickr.com/photos/gpadjp/34243394950