Zwei Sprachen, keine Chancen

In der Bildungspolitik wird immer wieder nur über Digitalisierung diskutiert, dabei sind andere Themen genauso wichtig. Mehrsprachigkeit und Sprachförderung gehören nicht nur ins Zentrum unserer Bildungspolitik, sondern auch ins Klassenzimmer. Eine Replik auf die Ideen des CDU-Politikers Carsten Linnemann von Luca Baumann, stellvertretender Landesvorsitzender.

„Digitalisierung“. Kaum ein Schlagwort fällt so oft, wenn es um die Zukunft des deutschen Bildungssystems geht. Sie ist der Messias unter den Bildungsreformen, die analoge Schule die bildungspolitische Apokalypse, der 60-jährige Lehrer der neue Anti-Christ – so wirkt es jedenfalls, wenn man der öffentlichen Debatte folgt. Die Verkürzung der bildungspolitischen Diskussion auf die Digitalisierung unterschlägt dabei, dass sie nur eine von vielen Herausforderungen und Chancen für die heutigen Schulen ist. Unterricht mag noch so digitalisiert sein: Wenn Schülerinnen und Schüler Probleme mit der deutschen Sprache haben und Aufgaben und Texte nicht verstehen, scheitert er trotzdem. Und das ist immer häufiger der Fall. Ins Zentrum der Bildungspolitik müssen deswegen endlich die Themen Mehrsprachigkeit und Sprachförderung rücken. 

Das dachte sich wohl auch der CDU-Politiker Carsten Linnemann, als er vergangene Woche forderte, den Grundschuleintritt an das Sprachniveau der Kinder zu knüpfen. Erfülle ein Kind die Anforderungen nicht, müsse es in Vorschulen die entsprechenden Kenntnisse erwerben, bevor es eingeschult werden könne. Für diesen Vorschlag hat Linnemann berechtigte Kritik einstecken müssen, die aber nicht über das zugrundeliegende Problem hinwegtäuschen darf. Es lohnt ein genauerer Blick auf die Fakten, denn es besteht dringender Handlungsbedarf.

Spracherwerb im frühkindlichen Alter

In Deutschland leben immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund, im Jahr 2016 insgesamt knapp 25%, darunter besonders viele junge Menschen, Tendenz steigend. Und Migrationshintergrund bedeutet zumeist auch, dass Zuhause eine andere Familiensprache als Deutsch gesprochen wird. Das ist bei 63% der Kinder mit Migrationshintergrund der Fall. Erste wirkliche Kontakte mit der deutschen Sprache finden dann häufig in der Kita statt, die Kinder wachsen bilingual auf, wobei in einem solchen Beispiel das Türkische die sogenannte Erst-, das Deutsche die Zweitsprache ist. Gerade diese Kinder aber haben, insbesondere dann, wenn sie nicht oder erst spät in die Kita gehen, sprachliche Defizite. Das liegt daran, dass Kinder ihre Erst- und Zweitsprache nur anhand sprachlichen Inputs aus seinem Umfeld lernen. Und gerade im frühkindlichen Alter von 0 bis 6 Jahren laufen diese Prozesse am besten ab. Wollen wir also die sprachlichen Fähigkeiten von Kindern mit Deutsch als Zweitsprache fördern, müssen wir Möglichkeiten für ausreichenden Input schaffen und gleichzeitig die Familiensprache erhalten. Dazu braucht es keine Vorschulen, wie Linnemann sie fordert, sondern vor allem gebührenfreie Kitas. 

In der Schule geht es erst richtig los

Die Herausforderung endet aber nicht mit dem Eintritt in die Grundschule. Und genau hier liegt Carsten Linnemanns eigentlicher Denkfehler. Es kommen nämlich nicht nur immer mehr Menschen nach Deutschland, deren Kinder bereits im Grundschulalter sind oder schon auf eine weiterführende Schule gehen dürfen. Die Schule selbst hat eine eigene Sprache. Diese wird zumeist als „Bildungssprache“ bezeichnet und beinhaltet die sprachlichen Kompetenzen, die ein Kind für das Fortkommen in der Schule und die Teilnahme am Unterricht benötigt. Im Gegensatz zur Alltagssprache wird in der Bildungssprache mit komplexen Begriffen über abstrakte Themen gesprochen, in einer Form, die der schriftlichen Sprache sehr ähnlich ist. 

Das Problem daran ist: Bildungssprache erlernen Schülerinnen und Schüler kaum im Alltag. Genau deshalb können Kinder mit Deutsch als Zweitsprache im Alltag zwar meist problemlos kommunizieren, haben dann aber Schwierigkeiten mit der Kommunikation im schulischen Kontext. Und dort ist Bildungssprache eben überall. Sie wird bei Lernaufgaben, in Schulbüchern und anderem Unterrichtsmaterial verwendet sowie in Prüfungen und vielen Unterrichtsgesprächen eingesetzt. Der Lernprozess stellt also zusätzliche Herausforderungen an Schülerinnen und Schüler mit Deutsch als Zweitsprache. Sie müssen nicht nur die Sache, sondern auch immer die dazugehörige Sprache lernen. Das heißt aber nicht, dass diese Kinder nicht die Fähigkeit haben, die Matheaufgabe zu lösen oder den Text zu verstehen. Sie kommen oftmals einfach nicht mit den bildungssprachlichen Anforderungen zurecht. 

Nicht nur Schülerinnen und Schüler mit Deutsch als Zweitsprache stehen vor dieser Herausforderung. Die PISA-Studien haben gezeigt, dass viele Kinder Defizite im Lesen und Schreiben haben. Wird Bildungssprache dann im Unterricht nicht explizit thematisiert und miteinbezogen, steht „die Chance auf schulischen Erfolg in Deutschland derzeit vor allem denen offen, die nicht allein auf die Schule angewiesen sind, sondern sich Bildungssprache auch außerhalb von Bildungsinstitutionen erobern können – hauptsächlich in ihren Familien“. Kinder aus Haushalten mit geringem sozio-ökonomischen Standard oder einer anderen Familiensprache werden dann systematisch benachteiligt. Und oftmals kommen beide Faktoren zusammen, denn Eltern ohne Migrationshintergrund verfügen durchschnittlich über höhere Bildungsabschlüsse als Eltern mit Migrationshintergrund. In einem solchen Fall hat das Kind im bisherigen System kaum eine Chance auf einen guten Schulabschluss.

Unterricht muss sprachsensibel werden

Es muss also etwas passieren. Ein erster Schritt wäre, genau das zu verstehen, was Carsten Linnemann nicht verstanden hat, dass Spracherwerb nämlich ein „durchgängiger“ Prozess ist, der sich von der Kita bis zum Abitur erstreckt. Damit verbunden wäre eine Umorientierung, bei der wir Spracherwerb nicht nur in bestimmte Förderstunden und spezielle Klassen abschieben, sondern in den Fachunterricht integrieren. Und das betrifft nicht nur den Deutschunterricht. Alle Fächer müssen sprachsensibel unterrichten, der Chemie- genauso wie der Politikunterricht. Das bedeutet: Lehrkräfte müssen in Aufgaben, Texten und Unterrichtsinteraktionen Bildungssprache identifizieren und dann zugänglich machen. Bei Texten und Arbeitsblättern können dazu für unbekannte Begriffe Definitionen angegeben und Wortschatzlisten erarbeitet werden. Arbeitsaufträge für das Lesen von Texten helfen Schülerinnen und Schülern dabei, diesen schrittweise zu erschließen. Und genrebezogene Schreibhilfen unterstützen bei der Produktion eigener Texte. 

All diese Ansätze folgen dem sogenannten „Scaffolding“, englisch für Baugerüst. Bei diesem Prinzip geht es nicht darum, Aufgaben und Texte zu vereinfachen, sondern während des Lernprozesses ein helfendes Gerüst aufzubauen, anhand dessen die Schülerinnen und Schüler die Aufgabe bewältigen können und schrittweise zum selbstständigen Handeln befähigt werden. Sobald das Kind das Gerüst nicht mehr braucht, kann es abgebaut werden.

Die didaktischen Mittel für einen sprachsensiblen Unterricht gibt es also bereits, nur leider werden sie unseren angehenden Lehrerinnen und Lehrern kaum vermittelt. An vielen Unis in Baden-Württemberg ist “Deutsch als Zweitsprache” allerhöchstens Teil des Deutsch-Lehramststudiums. In anderen Bundesländern ist der Besuch entsprechender Veranstaltungen für alle Lehramtsstudenten verpflichtend. Und auch die Institution Schule muss sich ändern und sich vom sogenannten „monolingualen Habitus“ befreien.

All das führt nicht nur dazu, dass das deutsche Bildungssystem endlich gerechter wird. Mehrsprachige Kinder können besser auf komplexe Situationen reagieren, entwickeln früh metasprachliche Kompetenzen und haben im späteren Leben Vorteile beim Erwerb weiterer Fremdsprachen sowie bei der Bewältigung kognitiver Herausforderungen. Mehrsprachigkeit ist also nicht nur eine Herausforderung. Sie ist eine riesengroße Chance.